„American Sniper“: Porträt ohne Pathos

(Bildquelle: MoviePilot/Orginal Trailer/Screen/krj)

Für sechs Oscars nominiert, in den USA schon hochgelobt – nur ein US-Phänomen oder hält Clint Eastwoods (Million Dollar Baby) Scharfschützenbiographie American Sniper, was die Oscarnominierungen verheißen wollen?

Reicht ein Top-Regisseur, um auch einen Militärfilm über einen Mann, der im Irak 160 Menschen innerhalb von vier Einsätzen „für sein Land“ getötet hat, in Europa als große Filmkunst zu betrachten? Natürlich nicht. Aber nur ein Top-Regisseur konnte es wohl schaffen, dem Zuschauer einen Menschen nahezubringen, der einen solchen Job hat. Was es braucht, um einer der besten Sniper zu werden. Und welchen Preis man dafür zahlt.

In American Sniper bekommt Chris Kyle (Bradley Cooper) schon als kleiner Junge (Cole Konis) eine Waffe in die Hand gedrückt, sein Vater (Ben Reed), der ihm das Jagen beibringt, erkennt schnell, dass Chris ein besonderes Talent hat. Er ist es auch, der den moralischen Grundstein für die Entwicklung seines Sohnes legt, indem er Menschen in drei Kategorien aufteilt: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Letztere seien selten, doch er will alles dafür tun, dass seine Söhne, Chris und dessen jüngerer Bruder Jeff (Luke Sunshine, Keir O’Donnell), Hütehunde werden. Der erwachsen werdende Chris merkt bald, dass ihm ein Cowboyleben nicht genügt. Erst recht nicht, wenn er in den Nachrichten sieht, was Terroristen im Irak und in den USA anrichten. Der 11. September ist das Zünglein an der Waage, das sein Schicksal entscheidet: Chris Kyle will etwas tun, um sein Land zu beschützen und entscheidet sich für die SEALs. Da er es nicht so mit Wasser hat, sind die Marines eher weniger sein Ding. Sein Talent als Scharfschütze wird jedoch schnell erkannt und Chris schafft es, schon nach dem ersten Einsatz im Irak als „Legende“ gefeiert zu werden. Seine Frau Taya (Sienna Miller) bekommt jedoch zu spüren, wie der Krieg ihren Mann verändert…

American Sniper wird in den USA auch schon als bester Militärfilm aller Zeiten hochgejubelt und wurde unter anderem als Bester Film für die Oscars nominiert. Und wir können nur zustimmen, rein handwerklich hat Clint Eastwood wieder einmal bewiesen, dass er sein Fach versteht. Obwohl sich die Biographie logischerweise sehr auf Sniper Chris Kyle fokussiert, gelingt es Eastwood, die bedrohliche Kriegsstimmung authentisch wirkend und spannend auf die Leinwand zu bringen, gerade der Fokus sorgt für eine dichte Charakterinszenierung. Militärepos Fehlanzeige. Pathos Fehlanzeige. Übertriebene Militäraction nur für Schaueffekte Fehlanzeige. Gottseidank.

Dabei ist American Sniper kein Film zum sich Wohlfühlen. Einerseits lernt man Chris Kyle als einen normalen Mann und Bruder kennen, der sich verliebt, heiratet und Familienvater wird. Andererseits entscheidet er an der Waffe über Leben und Tod. Er sieht aus seiner Position, was seine Kameraden nicht sehen können, er ist das Auge, das die Situation richtig zu erfassen hat, er trägt die Verantwortung für jedes Leben, das er als Bedrohung für seine Kameraden einordnet und auslöscht. Wenn er zu lange zögert, könnte er damit das Leben seiner Kameraden riskieren. Wenn er zu früh abdrückt, hat er vielleicht das Leben eines Unschuldigen auf dem Gewissen. Das fällt doppelt ins Gewicht, wenn es sich dabei um ein Kind handelt. Doch während seine Kameraden Chris für seine zahlreichen Abschüsse hochjubeln, zählt Chris in American Sniper nicht mit, der Ruhm scheint ihm eher unangenehm zu sein, zumindest zu Beginn. Wie feierlich kann man sich auch fühlen, wenn schon sein allererster Schuss einem Kind gilt, das eine Granate trägt und damit auf seine Kameraden zuläuft? Wie feierlich kann man sich fühlen, wenn man zusehen muss, wie die eigenen Leute mitten in der Gefahr herumlaufen, man selbst aber in sicherer Entfernung hinter seinem Zielrohr liegt und für ihren Schutz sorgen muss? Nun, ganz so sicher wird es auch für Chris recht bald schon nicht mehr, denn auch die Gegenseite hat Sniper, und wie sich bald herausstellt, ist einer davon ihm gewachsen. Während also am Boden der Nahkampf tobt, kämpfen die beiden Sniper ihr ganz eigenes Psychoduell aus. Die Absurdität dieses ganz eigenen Kriegs im Krieg gelingt Eastwood, ohne große Übertreibung spannend zu gestalten.

Bekanntlich wollte Steven Spielberg, der von Warner Bros. vor Eastwood als Regisseur anvisiert wurde, aus Jason Halls Oscar-nominierten Drehbuch den Part des gegnerischen Snipers noch mehr herausarbeiten. American Sniper hat so, wie er ist, jedoch mit 132 Minuten schon eine gute Länge, das 100 Mio. $-Budget zahlt sich ebenfalls mit überzeugenden Effekten und authentisch wirkenden Szenerien im Kriegsgebiet aus. Besonders der Part während eines Sandsturms ist mit tollen Bildern inszeniert, soweit man so etwas toll nennen kann. Dass echte Navy SEALs involviert sind, zahlt sich in puncto authentische Darstellung der Militäreinsätze ebenfalls aus. Positiv ist zu bewerten, dass die Kriegsfronten nicht schwarz-weiß gemalt werden. Einerseits muss der Gegner natürlich negativ gezeichnet werden, wer wäre sonst in der Lage abzudrücken? Doch andererseits wird auch klar, dass im Krieg viele Unschuldige ihr Leben lassen.

In Eastwoods Version von American Sniper bleibt der gegnerische Sniper menschlich blass, wir lernen sein Können kennen und wie Chris auf ihn reagiert, viel mehr aber auch nicht. Doch finden wir das passend, denn auch der reale Chris Kyle wusste nicht, was für ein Mensch genau hinter dem feindlichen Zielrohr hockt. Er hat nur miterlebt, wie dieser seinen direkt neben ihm stehenden Kameraden abschießt. Ebenso passend ist, dass der gegnerische Sniper nicht zum teuflischen Antagonisten oder gegnerisches Monster hochstilisiert wird, sondern im Grunde auch nur jemand ist, der seinen Job sehr gut macht. Und zumindest in American Sniper sogar noch recht attraktiv aussieht.

Was der Dramatik zuliebe in American Sniper hinzugedichtet wurde, weiß man natürlich nicht, doch das betrifft auch schon Kyles Memoiren selbst, auf denen der Film beruht. Vorwürfe gibt es reichlich, was das Hinzudichten schon in den Memoiren angeht, die den militärischen Killer Kyle heldenhafter dastehen lassen. Hatten die US-Panzer wirklich einen The Punisher-Totenkopf als Deko? So wenig man versucht, schwarz-weiß zu malen, wird an solchen Dingen deutlich, dass Krieg ohne Schwarz-Weiß-Malerei ein Ding der Unmöglichkeit ist. Natürlich muss sich die US-Seite als die gute empfinden, die die Bösen bestraft. Und die US-Seite besteht hier aus Menschen, die das auch glauben können müssen, wenn sie ihr Leben dafür riskieren. An Bruder Jeff und manch anderem Soldaten wird in American Sniper jedoch auch ausreichend deutlich, wie rasch das heldenhafte Beschützergefühl verfliegen kann. Und auch Chris selbst verändert sich nach und nach, er selbst merkt es kaum, seine Frau Taya (Sienna Millers, Foxcatcher) jedoch umso mehr. Mit kleinen, aber wirkungsvollen Szenen daheim und anhand von Therapiesitzungen gelingt es, diese Seite des Krieges ebenfalls zu zeigen. Musikalisch hat Eastwood Tayas Theme übrigens selbst kreiert. American Sniper wurde auch für den Besten Ton und Tonschnitt Oscar-nominiert.

Wir können uns dem Vorwurf einiger Kritiker nicht anschließen, dass hier ein Killer zum Helden stilisiert oder das Blutvergießen heroisch zelebriert werde – zumindest wirkt der Film auf uns nicht so. Über Hinzudichtungen können wir uns kein Urteil erlauben, Eastwood scheint sich das in Bezug auf das Drehbuch ebenso zu denken und überlässt das Urteil darüber dem Zuschauer. Die moralische Entscheidung liegt daher eher darin, ob man Memoiren eines Berufskillers, der sich nach und nach tatsächlich für einen heldenhaften Beschützer hält, überhaupt auf die Leinwand bringt. Doch Eastwood gelingt es aufzuzeigen, wie diese Form von Heldentum sich aus der Entwicklung Kyles heraus ergibt, mit all seiner Fragwürdigkeit daran. Eine Form angeblichen Heldentums, die selbst eben nicht fiktiv ist, sondern im Meinungsbild vieler Amerikaner mit der Muttermilch aufgesogen wird. Man kann den porträtierten Menschen und dessen Memoiren vielleicht verurteilen, aber Eastwoods Darstellung an sich nicht, denn sie spiegelt die Einstellung wieder, die viele Amerikaner nun einmal tatsächlich auch haben. Sowohl in Bezug auf militärischen Heroismus wie auch auf die Eigenwahrnehmung als globale Polizei, als globaler Hütehund. Entsprechend wird der Film von den Konservativen gefeiert, von der Linken verurteilt. Kann man Eastwood wirklich vorwerfen, dass er keine Metaebene einnimmt, nicht selbst deutlich urteilt?

Zusammengefasst können wir daher sagen, dass Clint Eastwoods American Sniper ein gelungenes und trotz der Länge fesselndes Porträt eines realen Menschen mit einem moralisch fragwürdigen, aber nun einmal real existenten Militärjob ist. Der Score ist dezent, so wie jegliches übertriebenes Pathos fehlt, wird auch in der Musik nicht mit Bombast oder übertriebener Thrillspannung gespielt. Man merkt, dass Eastwood den Film so authentisch und menschlich nachfühlbar wie nur möglich gestalten wollte, und das gelingt ihm so ganz ohne Wackelkamera, ohne übertriebene Rührseligkeiten und ohne überdeutlichen moralischen Zeigefinger. Der kritische Blick eröffnet sich aus der von Chris Kyle selbst ausgeschmückten Lebensgeschichte selbst, dem Leben des tödlichsten Scharfschützen des US-Militärs. So, wie es sich aus einer Verfilmung eines historischen Serienkillers ebenfalls von selbst ergeben würde.

Das muss man in American Sniper nur auch erkennen können. Nicht zu vergessen, dass ein solcher Film genau die Diskussionen erneut auslöst und aktuell hält, die real auch bitter notwendig sind. Eine schlechte Wertung aufgrund des Inhalts des Films sehen wir hier daher an dieser Stelle nicht gerechtfertigt.

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