Bildquelle: Philippe Wojazer/Reuters

Syrien: Dschihadisten gucken „Teletubbies“ und „Game of Thrones“

(Bildquelle: Philippe Wojazer/Reuters)

Der französische Journalist Nicolas Henin war zehn Monate Gefangener des IS in Syrien. Nun spricht er erstmals über seine Zeit in der Geiselhaft. Die Terroristen seien Produkte unserer Kultur.

Zehn Monate war Nicolas Henin Gefangener der IS-Terroristen. Er überlebte die Geiselhaft. Doch die Angst, wie die vielen Opfer von „Jihadi John“ brutal ermordet zu werden, begleitete den französischen Journalisten jeden Tag. Nun sprach er erstmals über seine Zeit als IS-Geisel.

„Um Gnade zu bitten, ist das Schlimmste, was man machen kann“, sagt Henin in einem Interview mit der BBC. „Das ist dumm, versuch es nie.“ Vom Sommer 2013 bis April 2014 hielten ihn die Dschihadisten in Syrien gefangen. Sieben Monate davon verbrachte er mit dem US-amerikanischen Reporter James Foley, den „Jihadi John“ schließlich enthauptete. Diesem Schicksal entging Henin nur, weil die französische Regierung offenbar ein Lösegeld in Millionenhöhe zahlte.

In dem Interview spricht Henin auch über seine Abhängigkeit von den Terroristen: „Als Geisel bist du nur eine Marionette“, sagt er. Um zu überleben, musste er zu den Geiselnehmern eine Verbindung aufbauen. Diese Beziehungen seien wichtig gewesen, um mit ausreichend Nahrung und Medizin versorgt zu werden.

IS-Kämpfer sind Produkte unserer Kultur

Dadurch konnte Henin viel über den Hintergrund und die Interessen seiner Geiselnehmer erfahren: Die Dschihadisten hätten nur wenig mit den lokalen arabischen und muslimischen Kulturen zu tun. „Sie sprechen unsere Sprache“, berichtet Henin. „Sie schauen dieselben Filme wie wir, spielen dieselben Videospiele wie unsere Kinder.“ Die Terroristen hätten sich alles Mögliche angesehen, von den „Teletubbies“ bis „Game of Thrones“.

Henin zieht daraus eine für uns erschreckende Erkenntnis: „Sie sind Produkte unserer Kultur, unserer Welt.“ Viele der Dschihadisten seien ursprünglich nach Syrien gekommen, um in dem seit vier Jahren wütenden Bürgerkrieg zu helfen, glaubt Henin. Einige IS-Anhänger seien „zerbrechliche Menschen“. Kurz nach ihrer Ankunft würden ihre Rekrutierer sie zu schweren Verbrechen anstiften, „und dann gibt es für sie keinen Weg mehr zurück“.

Doch auch wenn Henin die menschliche Seite seiner Entführer kennenlernte – an deren unermesslichen Brutalität ändere das nichts. Während Henin überlebte, ermordete „Jihadi John“ etwa seinen Mitgefangenen Foley sowie den Briten Alan Henning, und die US-Amerikaner Steven Sotloff und Peter Kassig. Über Mohammed Emwazi alias „Jihadi John“ wollte Henin nicht sprechen, weil sich einer seiner Mitgefangenen noch immer in Geiselhaft befindet.

Geisel schrieb heimlich ein Kinderbuch

Trotz der allgegenwärtigen Gräueltaten während seiner Zeit als Geisel, versuchte Henin die Unmenschlichkeit nicht zu seinem Alltag werden zu lassen: Als der russische Gefangene Sergej Gorbunow hingerichtet wurde, hielten die überleben Gefangenen eine kleine Zeremonie für ihn ab, berichtet Henin. Ein Gefangener habe eine Rede gehalten, „und dann legten wir eine Schweigeminute ein“.

Die Nächte verbrachte der Journalist mit einem persönlichen Projekt: Gemeinsam mit seinem ebenfalls gefangengenommenen französischen Kollegen Pierre Torres schrieb er in der Gefangenschaft heimlich ein Kinderbuch für seine fünfjährige Tochter. Das Buch wurde diese Woche veröffentlicht. Es trägt den Titel „Wird Papa Igel jemals heimkehren?“

Weiterlesen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s