Bildquelle: dpa/Friso Gentsch

Die größte Motivation der Israelis ist die Angst

(Bildquelle: dpa/Friso Gentsch)

Avi Primor hat als Brückenbauer zwischen Israelis und Palästinensern in den 1990er Jahren hoffnungsvolle Zeiten erlebt. Nach dem Ende der Rabin-Peres-Regierung haben sich die Konflikte wieder verhärtet. Nun hat Primor seine Autobiografie geschrieben: „Nichts ist jemals vollendet“.

Die Zeiten haben sich leider nicht zum Besseren gewendet, seit Avi Primor den diplomatischen Dienst in Deutschland quittierte. In seiner Autobiografie „Nichts ist jemals vollendet“ (Quadriga, Berlin 2015. 448 S., 22,99 Euro) erzählt er auch von seiner Arbeit als Brückenbauer zwischen Israelis und Palästinensern. Viele dieser Brücken sind inzwischen wieder eingerissen.

Herr Primor, warum haben Sie jetzt Ihre Autobiografie geschrieben?

Jahrelang hat man mich dazu gedrängt, und ich wollte es nicht, weil ich nicht über mich schreiben wollte. Dann hat man mir einen Vorschlag gemacht: Schreiben Sie nicht, wie man normalerweise über sich selber schreibt, sondern als Beobachter. Und das ist gut gelaufen, für mich auf jeden Fall.

Ihre Mutter kam aus Frankfurt am Main nach Palästina, weil sie sich verliebt hatte…

Es war Zufall. Meine Mutter hat eine Schiffsreise mit einer Jugendgruppe gemacht, in Tel Aviv meinen Vater kennengelernt und sich spontan entschieden, zu bleiben. Sie war achtzehn. Man hat damals in den 1930er-Jahren, nach der Machtergreifung der Nazis, die deutschen Juden hier gefragt, kommen Sie aus Überzeugung oder kommen Sie aus Deutschland? Bei meiner Mutter war es weder noch. Sie hat ihre ganze Familie in Frankfurt verloren.

Welche Bedeutung hat das für Ihre Familiengeschichte?

Für meine Mutter war das fürchterlich. Aber sie hat darüber nicht gesprochen. Meine Großeltern hatten ihr geschrieben: Ein anständiges deutsches bürgerliches Mädchen soll in der Wüste leben, mit einem Wilden? Du kommst sofort nach Hause! Als sie erfahren hat, dass die Familie verschwunden ist, ohne dass sie herausfinden konnte, wo und wie sie umgekommen sind, da sagte sie, sie will nie wieder etwas von Deutschland hören. Wir zu Hause durften weder über Deutschland noch über die Familie sprechen. Und wir wussten sowieso nicht, was wir dazu sagen sollten, weil wir diese Familie nie kennengelernt haben.

Sie waren von 1993 bis 1999 Botschafter in Deutschland. Eine durchweg positive Erfahrung?

Es waren gute Zeiten. Für mich waren alle Türen offen. Ich habe davon profitiert, dass wir eine Rabin-Peres-Regierung hatten, dass wir die Osloer Verträge unterschrieben haben. Eine Anekdote: Im Juni 1995 habe ich Helmut Kohl nach Israel begleitet. Nach einem Gespräch mit Peres zeigte Kohl auf mich und fragte den Außenminister: „Sagen Sie mal, bezahlen Sie ihm ein anständiges Gehalt für seine Arbeit in Deutschland? Das ist ein Fehler, Sie sollten ihm gar nichts bezahlen, für so einen Posten sollte er Sie bezahlen.“

Kurz darauf wurde Rabin ermordet und mit ihm, wie sich später zeigte, der Friedensprozess. Israel steht wieder vor Neuwahlen, wie schätzen Sie die Situation ein?

Ich glaube, dass Netanjahu die besseren Chancen hat. Sie sehen das in den Meinungsumfragen, unglaublich, ja. Sie haben eine ständige Mehrheit der israelischen Bevölkerung, die Zugeständnisse machen will, die sich vom Westjordanland trennen will, die einen Palästinenserstaat akzeptieren will, mit dem wir zusammenarbeiten können. Und gleichzeitig haben Sie eine Mehrheit, die fürs rechte Lager stimmt. Warum? Weil die größte Motivation der Israelis die Angst ist. Die Sicherheit ist das Wichtigste für die Israelis. Sie glauben nicht, dass die Palästinenser in der Lage sind, uns Sicherheit zu versprechen. Also wählen sie eine harte Regierung.

Mit welchen Folgen?

Wenn das rechte Lager an die Macht kommt, und vielleicht noch mächtiger, ohne Partner aus dem Zentrum, dann rutschen wir in Richtung eines binationalen Staates. Wir werden schrittweise das Westjordanland annektieren. Dann haben wir eine neue Bevölkerung, die die israelische Staatsangehörigkeit bekommen wird. Man wird ihnen Gleichberechtigung geben, ohne sie immer zu respektieren. Aber sie werden wählen dürfen, und da sie eine rasante demografische Entwicklung haben, werden sie in kurzer Zeit die Mehrheit der Israelis sein.

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