Bildquelle: Berliner Zeitung/Martin Lilkendey

Hinter diesen Bildern verbergen sich außergewöhnliche Lebensgeschichten

(Bildquelle: Berliner Zeitung/Martin Lilkendey)

Köln – Die Gesichter von Flüchtlingen bleiben meist in der Masse verborgen. Der Fotograf Martin Lilkendey wollte das ändern: Seine Porträts blicken uns unvermittelt an.

Martin Lilkendey ist kein Mann großer Worte, er fotografiert lieber. Zum Beispiel Sissoko, 37, aus Mali, der sein Studium nicht beenden konnte, weil er sich nach dem Tod des Vaters um die Mutter und zwei Brüder kümmern musste. Er floh, weil die Tuareg ihn sonst ermordet hätten. Lilkendey hat Remisza, 55, porträtiert, der ihm folgendes erzählte: „Ich musste in Bosnien Essen für mich und meine Kinder in Mülltonnen suchen. Wir mussten auf der Straße schlafen, weil uns niemand eine Arbeit gegeben hat und wir kein Geld hatten für eine Wohnung. Und der Fotograf sprach auch mit dem 28-jährigen Zaid aus Syrien, der als Rechtsanwalt für Menschenrechte gearbeitet hat, und mit Ismeta, 51, und Slavko, 56, aus Montenegro, die sich sicher sind: „Unsere einzige Chance ist Deutschland.“

Sie alle sind gestrandet in einem Kölner Wohnheim. Martin Lilkendey hat sie mit seiner Serie „Where Are We Going“ aus dem anonymen Flüchtlingsstrom hervorgeholt, er wollte sie wieder Individuen werden lassen. Hundert Porträts sind es geworden, man findet sie online unter der Adresse http://www.whererarewegoing.net. „Manchmal wacht man halt morgens auf und hat eine Idee“, sagt Lilkendey. An dem Thema kommt man schon wegen dessen Präsenz in den Medien nicht vorbei, aber Lilkendeys Bilder haben eher etwas Malerisches, Altmeisterliches.

„Hier bin ich in Sicherheit“

Sie erinnern in ihrer ruhigen, klaren Komposition an Jan van Eycks „Mann mit rotem Turban“ aus dem Jahr 1433, das vermutlich früheste autonome Selbstporträt der Neuzeit. Der Mann mit dem Turban wendet sich unmittelbar dem Betrachter zu, tritt mit ihm in Kontakt. Genau darum geht es auch bei Lilkendey. Man begegnet Menschen, die mit Würde und klarem Ausdruck in seine Kamera blicken. Einige von ihnen stellen sich mit kurzen Statements vor. „Hier bin ich in Sicherheit“, sagt uns etwa der zwölfjährige Enisa aus dem Kosovo.

Martin Lilkendey mag den Begriff Flüchtling nicht, er sei so negativ besetzt. „Für mich sind Flüchtlinge einfach Menschen, die in der unerträglichen Situation sind, fliehen zu müssen“, sagt er. „Der Begriff Flüchtling verschlimmert ihre Situation noch, denn er bezeichnet den Fremden schlechthin, den Heimatlosen, den Obdachlosen. Der ‚Flüchtling‘ ist nicht wie man selbst. Er gehört nicht zu uns. Er gehört eigentlich nirgendwo hin. Dem möchte ich etwas entgegensetzen.“

Lilkendey hat kein Helfersyndrom, er möchte einen Missstand benennen, und er hat ein ästhetisches Interesse als Fotograf. Menschen vor der Kamera, das reizt ihn. Dass Fotos politisch sein können, steht für ihn außer Frage. Als politischen Fotografen sieht er sich allerdings nicht, sondern lieber als Künstler mit Haltung. Um Freiheit für die Kunst zu haben, hat er schon viele Berufe ausgeübt. Nach dem Abitur 1989 studierte er zunächst Kunst und Philosophie in Siegen, darauf folgte ein Sportstudium in Köln, Schwerpunkt Schwimmen und Volleyball. Bevor er Akademischer Rat für künstlerische Praxis und Didaktik am Institut für Kunstwissenschaft der Universität Koblenz-Landau wurde, war er Studienrat für Kunst und Sport in Neuwied. Er war aber auch schon Producer beim Musiksender Viva, hat für DaimlerChrysler die Präsentation der neuen A-Klasse in Szene gesetzt und auch schon ein eigenes Trip-Hop-Album produziert. Vor „Where Are We Going“ hat er sich mit den Castingkandidaten deutscher Talentshows beschäftigt. Es ging ihm dabei um junge Leute, die von den Sendern funktionalisiert werden, sich in gewisser Weise missbrauchen lassen, auch aus Naivität.

Möglich wurde das Projekt, das Lilkendey so am Herzen liegt, durch den Kölner Flüchtlingsrat und das Rote Kreuz, die ihm Kontakte vermittelten. „Einige, die auf der Flucht vor bestimmten Menschen waren, hatten natürlich Angst, erkannt und wieder verfolgt zu werden“, berichtet Bianca Kappelmann, die Sozialpädagogin beim Roten Kreuz ist und für Lilkendeys Projekt im Wohnheim vorfühlte. Fast alle haben am Ende mitgemacht. „Für die Kinder war es spannend, so eine Produktion mal zu erleben“, sagt sie. „Für die Erwachsenen war das Erlebnis, dass sich jemand Zeit für sie nimmt, fast am wichtigsten.“

Hoffen auf eine Chance

Für seine Produktion wurde Martin Lilkendey ein Wohncontainer als Studio zur Verfügung gestellt: „Ich brauchte ja nicht viel: einen schwarzen Hintergrund, Licht und meine Kamera, eine Pentax 67, eine Spiegelreflex-Mittelformatkamera, und einen Stuhl für die Aufnahmen.“ Außerdem gab es noch einen Tisch, an den sich Lilkendey dann mit Chahinaz, 28, aus Algerien, mit Yasser, 29, aus Syrien oder mit dem 19-jährigen Alt aus Mazedonien gesetzt hat, um etwas über sie zu erfahren. „Diese Gespräche haben viel länger gedauert als das eigentliche Fotografieren. Für das Porträt selbst hat in der Regel eine Viertelstunde gereicht“, sagt Martin Lilkendey. „Ich war erstaunt, wie selbstverständlich und selbstbewusst sich alle fotografieren ließen. Ich habe das Gefühl, ihre Haltung ist ihre Botschaft an uns: Seht her, ich bin ein Mensch mit Stolz und Würde wie ihr.“

Sie alle hoffen, dass Deutschland ihnen eine Chance gibt. „Ich habe Menschen in jedem Alter vor der Kamera gehabt und aus allen sozialen Schichten. Eine 19-jährige Somalierin, die allein auf der Flucht ist, und überhaupt, all die alleinstehenden Frauen, die auch Verantwortung für ihre Kinder tragen, das sind besonders schwere Schicksale“, sagt Lilkendey. Seine Porträts zeigen Menschen, die trotz der teilweise grauenhaften Erfahrungen, die hinter ihnen liegen, nicht gebrochen sind.

Wer sich auf den Blick der Menschen auf Lilkendeys Fotos einlässt, spürt, wie oberflächlich der Begriff Flüchtling ist, der die Schicksale einzelner, ganz unterschiedlicher Menschen über einen Kamm schert. „Es wird zu oft vergessen, dass Flüchtlinge Menschen sind“, sagt der Fotograf, der überlegt, sein Projekt in anderen Städten, Berlin etwa, fortzusetzen. „Flüchtende Menschen, die die Hilfe unserer Gesellschaft brauchen – und nicht die Bewertung ihres Daseins und Soseins.

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