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Israel: Netanjahu muss für seinen Sieg einen hohen Preis zahlen

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Die Demoskopen haben deutlich danebengelegen. Allen Prognosen zum Trotz bleibt Benjamin Nethanjahus Likud-Block die stärkste Kraft in der Knesset. In der Wahlkabine, so sagt man in Israel, zitterten vielen am Ende doch die Hand. Von Inge Günther

Jerusalem – Irgendwann zwischen und 2 und 3 Uhr am Mittwochmorgen muss es passiert sein, dass sich das Blatt zugunsten von Benjamin Netanjahu wendete. Plötzlich stiegen die Zahlen der Likud-Mandate wie gut gehende Börsenkurse, während die Werte für das linke Lager, die Zionistische Union, fielen. Noch um Mitternacht hatten die Anhänger auf beiden Seiten gefeiert. Und viele hielten die Jubelausbrüche der Likud-Fans, als ihr Premier Netanjahu auftrat, um einen „großartigen Sieg“ zu verkünden, für doch etwas verfrüht.

Aber kurz nach Sonnenaufgang wurde es Gewissheit. Der Likud hatte tatsächlich 30 Knessetsitze geholt, sechs mehr als das Mitte-Links-Bündnis, die Zionistische Union, die auf 24 kam. In Umfragen war ein eher umgekehrtes Verhältnis erwartet worden. Schließlich lag die Zionistische Union von Izchak Herzog und Zipi Livni noch vor weniger als einer Woche vorne. „Wir haben gewonnen, ein Wunder, man kann es gar nicht anders beschreiben“, begeisterte sich ein Likud-Aktivist.

Für Herzog und Livni war es allerdings „kein leichter Morgen“, wie sie in einer Erklärung gestanden: „Weder für uns noch für jene, die an unseren Weg glauben“. Noch in der Nacht hatten sie in einer Messehalle in Tel Aviv die Hoffnungen auf einen Wechsel geschürt, auch wenn leichte Zweifel aus ihrer Beteuerung heraus klangen, das Ergebnis sei offen.

So aber blieb den Beiden nichts weiter, als sich in die Rolle guter Verlierer zu fügen. Er habe Premier Netanjahu zu seinem Sieg gratuliert, teilte Herausforderer Herzog mit, und er wünsche ihm Erfolg. Allerdings, merkte Herzog an: „Die Probleme bleiben die gleichen, nichts hat sich verändert“. Weshalb er und Livni ihre politische Partnerschaft fortsetzen würden.

Herzog konnte nicht überzeugen

Die Demoskopen suchten derweil nach Erklärungen, warum ihre Prognosen so daneben lagen. Demnach muss der eigentliche Meinungsumschwung nach den letzten Umfragen eingesetzt haben, die in Israel jeweils am Wochenende vor den Wahlen veröffentlicht werden dürfen. Den Ausschlag gaben die vielen unentschiedenen Wähler. „Viele waren für eine Ablösung Netanjahus, aber sie sahen in Herzog keine überzeugende Option“, sagt Avi Degani. Seine Umfragen waren die einzigen, in denen der Likud während des Wahlkampfs in Führung lag. Deganis Analyse deckt sich mit einem paradoxen Phänomen: Eine satte Mehrheit sympathisierte mit dem Slogan „nur nicht Netanjahu“, traute ihm aber am ehesten zu, dem Amt des Premiers gewachsen zu ein. In der Wahlkabine, so sagt man in Israel, zittere einem Likud-Anhänger die Hand, ehe er sein Kreuz bei den Linken macht.

Zudem jagte Netanjahu den ultrarechten Parteien Stimmen ab. Sollte er mit ihnen, wie von Netanjahu noch in der Wahlnacht angekündigt, tatsächlich eine Regierung bilden, wird er vor allem die nationalreligiöse Siedlerpartei von Naftali Bennett mit Ministerposten entschädigen müssen.

Katerstimmung im linken Lager

Teurer noch wird der Preis ausfallen, um auch Kulanu, die sozialpolitisch orientierte Likud-Abspaltung, ins Boot zu holen. Kulanu-Chef Mosche Kachlon, der bereits als Finanzminister gehandelt wird, scheint dazu bereit. „Nun ist es an der Zeit, sich zu vereinen und einen gemeinsamen Nenner zu finden“, erklärte Kachlon staatstragend. Aber auch die orientalisch-religiöse Schas-Partei will bei einem Regierungseintritt möglichst viel für ihre Klientel rausholen.

Im linken Lager herrschte indes Katerstimmung. Zumal Meretz, eine ausgewiesene Bürgerrechts- und Friedenspartei, es nur knapp über die 3,25-Prozent-Hürde schaffte. Angesichts der mageren vier Mandate trete sie den Vorsitz ab, kündigte Meretz-Chefin Zahava Galon an. Trotzdem ist mit einer starken Opposition zu rechnen. Die Arbeitspartei (alias Zionistische Union) hat doppelt so viele Sitze wie in der bisherigen Legislaturperiode.

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