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Jemens blutige Revolution

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Im Jemen erobern die Huthi-Rebellen immer größere Gebiete. Zugleich setzt sich der IS in dem Land fest. Beide Gruppen drohen, den letzten Rest staatlicher Ordnung zu untergraben. Steht das Land vor dem Zusammenbruch?

Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) scheint nun auch im Jemen angekommen zu sein. Bei einem Sprengstoffanschlag töteten ihre Milizen Ende vergangener Woche mehr als 140 Schiiten beim Freitagsgebet – der schlimmste Anschlag in der Geschichte des Landes.

Umgekehrt setzten auch die überwiegend schiitischen Huthi-Rebellen ihren grausamen Feldzug gegen den Staat fort: Nach dem Anschlag auf ihre betenden Glaubensbrüder griffen sie die Residenz des Ende Januar nach Aden geflohenen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi an. Dieser hatte Aden kurz zuvor zur neuen Hauptstadt des Landes ausgerufen. Zugleich drängen die Huthi-Rebellen weiter nach Süden vor. Am Wochenende nahmen sie die Stadt Tais ein, nun wollen sie weiter in Richtung Aden.

Nach Syrien und Libyen scheint der Jemen nun der dritte Staat zu sein, der in Folge der Revolution des Jahres 2011 in Chaos und Anarchie versinkt. Was als Auseinandersetzung um Mitsprache und eine neue Machtbalance begann, verhärtete sich zu einem Konflikt, in dessen Verlauf alle Beteiligten immer weitergehende Ansprüche formulierten und immer weniger Kompromissbereitschaft zeigten.

Verpasste Gelegenheiten

Nach der Wiedervereinigung 1990 hatten sich Teile der schiitischen Stämme im Norden des Landes miteinander verbündet, um sich gegen den wachsenden Einfluss der sunnitischen dominierten Zentralregierung zur Wehr zu setzen. 2011 unterstützen sie die Revolution gegen den damaligen Präsidenten Ali Abdullah Salih.

Von dem nach Salihs Sturz einsetzenden nationalen Dialog zur Bildung einer neuen Regierung wurden sie allerdings ausgeschlossen. Als im Sommer 2014 die Grundzüge der neuen Verfassung bekannt wurden, erhoben sich die Huthis. Sie waren vor allem gegen die geplante neue föderale Struktur, die für sie eine Provinz ohne Zugang zum Meer vorsah.

Unterstützt wurden die Huthis dann von dem geschassten Präsidenten Salih. Dieser hofft, durch das Bündnis mit den Huthis seinen Nachfolger zu stürzen und wieder in den Präsidentenpalast einziehen zu können.

Auch die derzeit wichtigsten Gegenspieler der Huthi-Rebellen, die Anhänger der sunnitischen Hirak-Bewegung, waren vom nationalen Dialog ausgeschlossen. Hirak ist die Bewegung der in den südlichen Provinzen lebenden Jemeniten. Wie die Huthis sehen auch sie sich als Verlierer der Wiedervereinigung. Auch sie fühlen sich in der neuen föderativen Struktur des Landes nicht angemessen repräsentiert und drängen daher auf die Abspaltung ihrer Provinz.

UN ohne Einfluss

Der UN-Sicherheitsrat hat dem Ende Januar vor den Huthis nach Aden geflohenen Präsidenten Hadi seine Unterstützung zugesichert. Zugleich warnte Jamal Benomar, der UN-Sondergesandte für den Jemen, vor weiterer Gewalt in dem Land.

Fraglich ist allerdings, ob die Vereinten Nationen auf die Konfliktparteien einwirken können. Die internationale Gemeinschaft habe kaum noch Einfluss auf die Akteure, schreibt Politologin Mareike Transfeld von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

„Der politischen Krise im Jemen können letztlich nur jemenitische Akteure durch politisches Handeln nachhaltig entgegenwirken. Externe militärische Interventionen würden angesichts des komplexen jemenitischen Akteursgeflechts eher dazu beitragen, dass sich die Lage weiter verschlechtert“, erklärte Transfeld.

Auch nach Einschätzung des Publizisten-Experten Azmi Bishara liegt der Schlüssel zum Frieden im Jemen selber. Die Huthis seien zwar nicht in der Lage, das Land aus eigener Kraft zu regieren. Anders als ihre Gegner aber, die sich zu stets wechselnden Koalitionen zusammenschlössen, hätten sie sich als starke Macht etabliert, an der niemand mehr vorbeikönne.

„Sie müssen in den Dialog eingebunden werden und sich dort als nationale Kraft aufführen. Als solche müssen sie den Pluralismus des Landes akzeptieren und darauf verzichten, anderen ihren Willen aufzuzwingen“, schreibt Bishara in der arabischen Internetzeitung Al-arabi al-jadid.

Staat droht zu scheitern

Anlass dazu könnte den Huthis der Widerstand breiter Bevölkerungsanteile geben. Nachdem die Proteste des Jahres 2011 einstweilen zum Stillstand gekommen waren, sehen viele nun den Zeitpunkt gekommen, sie wieder aufzunehmen. „Die Revolution läuft weiter, und zwar mit denselben Zielen“, zitiert der Sender Al-Jazeera einen jungen Mann, der wie so viele andere gegen die Huthis auf die Straße gegangen ist.

Zudem wird es darauf ankommen, wie die Huthis die Gefahr der sunnitischen Dschihadisten einschätzen. Mit „Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP) ist bereits seit längerem eine besonders aggressive Terrorzelle im Jemen präsent. Nun scheint es, als habe auch der IS im Jemen Fuß gefasst.

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