Bildquelle: AFP/Getty Images/P. Utom Ekpei

Muhammadu Buhari: Ein Ex-Diktator will Nigeria regieren

(Bildquelle: AFP/Getty Images/P. Utom Ekpei)

Einst war er Militärdiktator, jetzt will er als Präsident Nigerias gewählt werden. Muhammadu Buhari hat gute Chancen, Präsident Jonathan zu beerben – daran hat auch die sechswöchige Wahlverschiebung nichts geändert.

Das Gedränge ist groß. Hunderttausende Menschen sind in der Großstadt Kano im Norden Nigerias auf die Straße gekommen, um Oppositionsführer Muhammadu Buhari bei seiner Wahlkampftour zu erleben. Zwei Stunden lang wartet der Emir von Kano, das muslimische Oberhaupt der zweitgrößten Stadt Nigerias, in seinem Palast auf Buhari, weil sein Konvoi nicht durch die verstopften Straßen vom Flughafen in die Stadt gelangt. Als er eintrifft, stürmt die euphorische Menge das Gelände. Der Emir muss sich in seinem Palast einschließen, Buhari schafft es bei dem Gedränge noch nicht einmal, aus seinem Bus auszusteigen.

„Wir haben hier noch nie so eine Stimmung gehabt. Wir beten zu Gott, dass Buhari Präsident wird“, sagt eine jubelnde Frau in der Masse. Nach einer weiteren Stunde kommt Buhari im völlig überfüllten Stadion Kanos an. Rund 80.000 Menschen warten seit Stunden in der Hitze, um den Oppositionsführer drei Minuten sprechen zu hören. Der 72-jährige ist kein guter Redner, trotzdem tobt die Masse. „Wir leiden hier in Nigeria. Nur wenn Buhari an die Macht kommt, wird das mit Boko Haram ein Ende haben“, erklärt ein Mann in der Menge.

„Krieg gegen die Disziplinlosigkeit“

Ein ehemaliger General, unbestechlich und ein Disziplin-Fanatiker – dieses Bild haben viele Nord-Nigerianer von Buhari. Nach seiner Ausbildung beim Militär kletterte er in der Hierarchie schnell nach oben. Militärherrscher gaben ihm lukrative politische Posten. Er galt als strenger Muslim, der die Einführung der Scharia im Norden des Landes unterstützte. Nach einem Putsch gegen eine gewählte Regierung war Buhari von Januar 1984 bis August 1985 selbst Staatsoberhaupt. Er erklärte den „Krieg gegen die Disziplinlosigkeit“. Fast 500 Menschen kamen unter seiner Führung wegen Korruption und Verschwendung von Steuergeldern ins Gefängnis. Staatsbedienstete, die zu spät zur Arbeit erschienen, mussten Kniebeugen machen, berichten Zeitzeugen Im Gegensatz zu den meisten anderen Politikern Nigerias bereicherte sich Buhari nicht schamlos und lebt bis heute in einem bescheidenen Haus.

Aber Muhammadu Buhari zeigte auch seine dunkle Seite als Diktator. Er ließ Menschen exekutieren, schikanierte die Medien, von einem Wandel hin zu einer demokratisch legitimierten Regierung wollte er nichts wissen. Er habe den Nigerianern das Gefühl gegeben, dass sie unter „eiserner, starrer Herrschaft und einer Staatsführung, die Angst verbreitet“ leben, so Nobelpreisträger Wole Soyinka.

Neues System, neuer Buhari?

„Jetzt sind wir in einem demokratischen Zeitalter, die Bedingungen haben sich geändert“, kontert Soyinkas Schwiegertochter Lola Shoneyin. Die Schriftstellerin begleitet Buhari regelmäßig bei Wahlkampfveranstaltungen. „Wir haben Gerichte, eine aktive Zivilgesellschaft, ein Parlament.“, Die Zeiten hätten sich geändert und so auch der Mann Buhari, meint Shoneyin im Gespräch mit der DW.

Seine umstrittene Vergangenheit versucht Buhari im Wahlkampf auszublenden. Aber er profitiert von seinem Image als Hardliner, gerade weil immer mehr Nigerianer den Eindruck haben, dass Präsident Goodluck Jonathan die Probleme des Landes eher aussitzt als anpackt. Zwar konnte Nigerias Armee, die in den vergangenen Wochen das erste Mal gemeinsam mit Truppen der Nachbarstaaten Kamerun, Niger und Tschad gegen Boko Haram vorging, Erfolge gegen die Terroristen erzielen. Geschlagen sind diese aber noch lange nicht. Außerdem fragen sich viele Nigerianer, warumdas Militär erst seit der Verschiebung der Präsidentschaftswahlen, die eigentlich schon Mitte Februar hätten stattfinden sollen, so entschieden gegen Boko Haram vorgeht.

„Mir geht es um die skandalöse Arbeitslosigkeit von Millionen junger Nigerianer, die schlechte Sicherheitslage im Land und die um sich greifende Korruption“, sagt Buhari nach seinem Wahlkampfauftritt in Kano – und lässt keinen Zweifel daran, dass er noch entschiedener gegen Boko Haram vorgehen werde. Er werde die Miliz „zerschlagen“, so der Oppositionsführer. Im Juni 2014 gab es in der Stadt Kaduna einen Anschlag auf seinen Konvoi, der die Handschrift der Terrorgruppe hatte.

Umstrittene Parteifreunde

Nach 2003, 2007 und 2011 tritt Buhari jetzt bereits zum vierten Mal gegen einen Präsidenten der Regierungspartei PDP (People’s Democratic Party) an. Doch es ist das erste Mal, dass Buhari an der Spitze einer nahezu vereinten Opposition steht. Das erhöht Buharis Chancen, kratzt aber auch an seiner Glaubwürdigkeit. Um auch Stimmen im christlich dominierten Süden des Landes zu bekommen, muss er in seiner Partei APC (All Progressives Congress) eng mit einigen einflussreichen Politikern zusammenarbeiten, die offensichtlich andere Vorstellungen von Korruptionsbekämpfung haben als Buhari. Parteichef Bola Tinubu hat während seiner Zeit als Gouverneur von Nigerias Megacity Lagos enormen Wohlstand angehäuft, besitzt etliche Firmen und Hotels. Rotimi Amaechi, Gouverneur im Bundesstaat Rivers, wechselte erst letztes Jahr von der Regierungspartei PDP zur APC. Er machte Schlagzeilen, als er das Volk für die grassierende Korruption in der Politik Verantwortlich machte, weil es die Politiker dafür nicht „steinige“.

Egal ob er die Wahlen am Samstag gewinnt oder verliert – die Lasten auf Buharis Schultern sind enorm. Bei einem Sieg müsste er gegen Parteifreunde vorgehen, um seine Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Wenn er verliert, wird er starken Einfluss darauf haben, ob es zu erneuten Gewaltausbrüchen kommt.

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