Bildquelle: Reuters/N. Quaiti

Iran: Großer Iran, kleiner Jemen

(Bildquelle: Reuters/N. Quaiti)

Iran und Saudi-Arabien fechten im Jemen einen Stellvertreterkrieg aus. In ihm kann Saudi-Arabien viel verlieren und Iran viel gewinnen. Mit dem Jemen würde Teheran einen weiteren Staat in seine Einfluss-Sphäre ziehen.

Irans Außenminister Mohammad Dschawad Zarif fand deutliche Worte: Die saudischen Militäraktionen müssten „unverzüglich“ aufhören, erklärte er kurz nach den Angriffen der von Riad geführten Koalition auf Stellungen der Huthi im Jemen. Die Angriffe, warnte er, „würden die Spannungen in der Region weiter anheizen.“

In der Nacht zum Donnerstag hatte die aus mehreren sunnitischen Staaten bestehende Koalition erstmals Angriffe auf den Jemen geflogen. Am Freitag setzte die Koalition ihre Angriffe fort. Beschossen wurden Stützpunkte der Huthis in Sanaa und in der Provinz Amra im Norden des Landes. Auch der von den Huthis Ende Januar eingenommene Präsidentenpalast in Sanaa wurde beschossen. Seit Beginn der Angriffe wurden mindestens 39 Menschen getötet.

Der Kampf um den Jemen – ein großes Glücksspiel?

Saudi-Arabien begründet die Angriffe damit, es wolle den legitimen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi unterstützen. Der Iran hat eine andere Lesart. Deren Grundrichtung umriss der Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Außenpolitik und nationale Sicherheit, Manour Haghighatpour, in einer kurzen Bemerkung: „Saudi-Arabien hat ein großes Glückspiel („Great Gamble“) angestoßen, und das wird es mit Sicherheit verlieren.“

Das Große Glücksspiel: Eine Anspielung an „The Great Game“, das Wettrennen der europäischen Kolonialstaaten im 19. Jahrhundert um die Vormachtstellung in Afrika, Asien und dem Nahen Osten. Indem Haghighatpour dieses „Spiel“ nun zum „Glücksspiel“ werden lässt, lässt er erkennen, dass Saudi Arabien aus iranischer Sicht einen Kurs fährt, dessen gutes Ende alles andere als gewiss ist.

„Der Iran weiß, wie er mit arabischen Phobien spielen kann“

Tatsächlich verlief die saudische Außenpolitik, auch in Zusammenarbeit mit Washington, in den vergangenen Jahren nicht allzu glücklich. Im Tauziehen um Syrien, Irak und den Libanon hat Riad gegenüber Teheran den Kürzeren ziehen müssen: Alle drei Staaten stehen mittlerweile unter iranischem Einfluss. Für die sunnitischen Staaten in der Region ist das eine alarmierende Entwicklung. Sie fürchten, ihren Einfluss in der Region mehr und mehr zu verlieren. „Der Iran weiß, wie er mit den arabischen Phobien spielen kann“, schreibt die Zeitschrift Foreign Policy über die jüngsten Volten in dem uralten Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten.

Zwar leugnet man in Teheran, im Jemen militärisch aktiv zu sein. Doch die arabischen Staaten sind skeptisch. „Im letzten Jahr erklärte ein iranischer Parlamentarier, drei arabische Hauptstädte – Bagdad, Damaskus und Beirut – stünden bereits unter der Kontrolle Teherans. Das hat Befürchtungen aufkommen lassen, Sanaa könnte die vierte sein“, schreibt Foreign Policy.

Folge des Konflikts: Mehrmals täglich Flüge nach Teheran

Der Politologe Walid al-Saqaf von der Universität Stockholm hält diese Befürchtungen für begründet. Tatsächlich stünden Syrien, Libanon und der Irak heute unter dem Einfluss Teherans. „Im Jemen war das nicht der Fall, bis die Huthis durch ihr Bündnis mit Jemens Ex-Präsidenten Saleh an die Macht kamen“, so Al-Saqaf im Gespräch mit der DW. Wie sehr sie entschlossen sind, die Beziehungen zu Teheran auszubauen, demonstrierten die Huthis Ende Januar: Kaum hatten sie in Sanaa die Macht übernommen, richteten sie 28 wöchentliche Flugverbindungen zwischen Jemen und Iran ein. Vorher hatte es keinen einzigen Flug gegeben.

Die sunnitischen Staaten fürchten nun, die Flugzeuge hätten nicht nur harmlose Waren, sondern auch Waffen an Bord. Beweise dafür dürften sie allerdings schwerlich finden – wie es überhaupt schwierig ist, dem Iran militärische Aktivitäten nachzuweisen. Denn in keinem der genannten Länder ist Iran offiziell, mit regulären Truppen, engagiert. In Syrien etwa ist Teheran nur indirekt über Militärberater und Elitetruppen präsent. Wie stark die sind, lässt sich nur vermuten. Dass der Iran die irakische Regierung im Kampf gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ unterstützt, hat man in Teheran inzwischen eingeräumt.

Saudischer Alptraum: Umzingelt von schiitischen Staaten

Sollten sich im Jemen nun die Huthis durchetzen, stünde Saudi-Arabien vor einer neuen Situation: Sein nördlicher Nachbar, der Irak, wäre ebenso ein iranischer Verbündeter wie der südliche, der Jemen. Das Land wäre von schiitischen Staaten umgrenzt.

Zwar leugnet Iran, im Jemen engagiert zu sein. Doch glaubwürdig ist das bestenfalls bedingt: Bereits im Januar 2013 hatte die jemenitische Küstenwache ein kleines iranisches Transportschiff aufgebracht, das Boden-Luft-Raketen an Bord hatte. Diese, vermutet man in Saudi-Arabien, hätten an die Huthis gehen sollen.

Deren militärische Erfolge müssen Saudi-Arabien auch darum beunruhigen, weil die Huthis mit der Macht über den Jemen in Teilen auch die Kontrolle über die internationale Schifffahrt in die Hände bekämen. Am äußersten west-östlichen Punkt grenzt der Jemen an das Bab al-Mandab, das „Tor der Tränen“. So heißt jene nicht einmal dreißig Kilometer breite Meerenge, durch die das Arabische in das Rote Meer übergeht. Dieses ist seinerseits durch den Suezkanal mit dem Mittelmeer verbunden. Diese Wasserstraße durchqueren auch viele Tanker, die Europa mit Öl versorgen.

Ob Iran daran allerdings wirklich Interesse hat, ist fraglich. Gerade gehen die internationalen Atomverhandlungen in die letzte, die entscheidende Runde. Alle Beteiligten haben ein Interesse an einer Einigung. Sie würde durch eine offene oder versteckte Einflussnahme auf den Jemen zumindest in Teilen wieder konterkariert. Iran hat lange Jahre des Embargos hinter sich.

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