Asyl in Theorie und Praxis auf der Bühne

(Bildquelle: Thomas Aurin)

Oberhausen – Hausherr Peter Carp inszeniert Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ mit Flüchtlingen am Theater Oberhausen.

„Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben…“ skandiert der Chor der Flüchtlinge. Mit diesem Aufschrei, der eigentlich den Anfang von Elfriede Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“ bildet, lässt Peter Carp seine Inszenierung ausklingen.

Geschlossene Gesellschaft

Zuvor haben drei junge Männer aus Eritrea, Albanien und Afghanistan ihre Odyssee geschildert, die schließlich in Oberhausen ein so vorläufiges wie ungewisses (oder vorhersehbares?) Ende gefunden hat. Denn der 16-köpfige Chor besteht aus 16 aktuell Asylsuchenden. Durch die unerwartete, Jelineks Drama fortschreibende Konfrontation der Theaterbesucher mit dem ungeschönten, an Problemen reichen Alltag in „ihrer“ Stadt erlangt der Abend plötzlich wieder jene Intensität, jene Emotionalität, die er zu Beginn hatte. Da weckte das minutenlange Dröhnen der Meeresbrandung Assoziationen an kenternde Flüchtlingsschiffe vor der Insel Lampedusa.

Elfriede Jelinek schrieb ihr mit Motiven aus Aischylos’ Tragödie „Die Schutzflehenden“ durchsetztes Drama 2013 als unmittelbare Reaktion auf die Besetzung einer Wiener Kirche durch 60 Asylsuchende und auf die darauf folgenden behördlichen Reaktionen. „Die Schutzbefohlenen“ ist kein klar gebautes Stück, vielmehr ein erratischer Textblock, den es zu zerlegen, zu kürzen, zu bearbeiten gilt und der unterschiedlichste Inszenierungszugriffe gestattet.

Um dem Gewirr an Stimmen, Meinungen und Äußerungen Struktur zu geben, führen Peter Carp und Dramaturg Tilman Raabke vier Protagonisten (Moritz Peschke, Anja Schweitzer, Hartmut Stanke, Lise Wolle) ein, die sehr bewusst pegida-fern gezeichnet sind: vier namenlose Möchtegern-Intellektuelle, Angehörige einer gutbürgerlichen, abgesicherten, fast hermetisch verschlossenen Gesellschaft, die von dem Geschehen draußen kaum oder gar nicht berührt ist. In drei unterschiedlichen Bildern (Ausstattung: Kaspar Zwimpfer) bleibt die Grundsituation die gleiche, ob beim Nachmittagstreff mit Kaffee und Kuchen oder später bei einem Opernball-ähnlichen Anlass. Wenn die exzellenten Darsteller, Thesenträgern gleich, alle Pros und Contras zum Thema Flüchtlinge und Asyl durchspielen, wenn sie theoretisieren, konstatieren, postulieren und reflektieren, wirkt das fürchterlich akademisch. Ohne wirklich von der Welt betroffen zu sein, haben sie sich ihre Meinung gebildet.

Wie die Welt wirklich aussieht, davon berichtet dann der Chor der Asylsuchenden.

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