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Bedroht – Verfolgt? Kommen Sie 2020 wieder – das UNO-Hilfswerk ist überfordert

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Latif ist 2014 aus Bagdad in die Türkei geflohen. Er wird nun jahrelang in der Illegalität leben müssen, ohne Job, ohne Geld. Grund: Das UNO-Flüchtlingshilfswerk, das die nötigen Papiere ausstellt, ist total überlastet.

Latif, 28, staunte nicht schlecht, als er in Ankara beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR um einen Termin bat, um als Flüchtling anerkannt zu werden. Der Iraker, ein schiitischer Muslim, war im vergangenen Jahr von Bagdad in die Türkei geflohen. Man teilte ihm schriftlich mit, er möge zur Feststellung seines Status persönlich vorsprechen – und zwar am 13. Februar 2020.

«Fünf Jahre soll ich mich nun in der Türkei durchschlagen, ohne Job!», empört sich Latif. Er hat Glück, dass er von Ersparnissen leben kann. In Bagdad war er Mitglied einer Death-Metal-Band. Weil er mit seinen Liedern die Zustände in seiner Heimat kritisierte, wurde er bedroht. Einmal zwangen ihn Unbekannte, sich die Haare abzuschneiden. Aus Angst verliess er acht Monate lang seine Wohnung nicht mehr.

Latif gelang die Flucht in die Türkei, wo er als Asylbewerber registriert wurde. In einem zweiten Schritt muss die UNO-Behörde ihn nun interviewen, um ihn als Flüchtling anzuerkennen und über seine Zukunft in der Türkei zu entscheiden. Diese Aufgabe übernimmt das Flüchtlingshilfswerk in all jenen Ländern, in denen ihm diese Aufgabe vom Staat übertragen wurde.

Aber fünf Jahre darauf zu warten, das, findet Latif, sei ein «unzumutbarer Zustand». Flüchtlinge würden dadurch gezwungen, illegal zu arbeiten, zu betteln oder zu stehlen, sagt er.

Ein weltweites Problem

Das UNHCR weiss um die langen Wartezeiten in den meisten Ländern und die Not der Flüchtlinge. Grund für die durchschnittlich drei Jahre Wartezeit (Angabe des UNHCR) sei die drastisch gewachsene Zahl an Flüchtlingen weltweit, teilte das Flüchtlingshilfswerk auf Nachfrage mit. «In besonders dringenden Fällen kommen die Betroffenen aber schneller dran», sagt eine Sprecherin. In manchen Teilen der Welt habe sich die Zahl der Flüchtlinge verdreifacht, vor allem durch den Bürgerkrieg in Syrien und den Konflikt im Irak. Die Erstregistrierung der Asylbewerber binde so viel Personal, dass sich die Wartezeiten für die Interviews verlängerten.

Tatsächlich handelt es sich um ein weltweites Problem, Flüchtlinge in anderen Ländern melden ähnlich lange Wartezeiten. Zum Beispiel Malcolm, 37, der sich vom Sudan nach Ägypten durchschlug und nun hofft, in Kairo bleiben zu dürfen. In seiner Heimat ist er den Kriegswirren entkommen, mehrere Angehörige hat er in den vergangenen Jahren verloren. «Jetzt sagt man mir, dass ich bis Mitte 2019 warten muss, bis sich das UNHCR meines Falles annimmt.» Sein Geld hat er für die Flucht ausgegeben, nun verkauft er illegal Taschentücher und Süssigkeiten.

«Na warte, wir kriegen dich noch!»

Der pakistanische Journalist Yusuf, 28, der nach Thailand geflüchtet ist, berichtet, er dürfe erst Mitte 2018 beim Flüchtlingshilfswerk vorsprechen. Yusuf ist Christ und wird in Pakistan wegen seines Glaubens verfolgt. «Jetzt muss ich zusehen, wie ich die nächsten Jahre ohne Einkommen überstehe», sagt er.

In seiner Heimatstadt Karatschi hatte er mehrfach über Christenverfolgung berichtet. «Eines Tages drückten mir Extremisten eine Pistole in den Rücken. Zufällig kam in dem Moment die Polizei. Die Typen, die mich bedrohten, riefen im Weglaufen: ‹Na warte, wir kriegen dich noch!› Ein paar Tage später bin ich mit meiner Familie nach Thailand ausgereist.»

Doch weil Thailand, anders als die Türkei, die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht unterschrieben hat und weder ein gesetzliches Regelwerk für Flüchtlinge noch eine Asylgesetzgebung hat, sind Menschen wie Yusuf dem Staat schutzlos ausgeliefert. Neuerdings sperrt Thailand die Flüchtlinge in Gefängnisse, mehrere hundert sind derzeit in Haft. Ihr Visum ist abgelaufen, als Asylbewerber sind sie nicht anerkannt.

«Furchtbare hygienische Bedingungen»

Die in Frankfurt ansässige Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hält das für «völlig inakzeptabel» und sieht das UNO-Flüchtlingswerk in der Pflicht, die Wartezeiten zu verkürzen. «Damit, dass Flüchtlingen mitgeteilt wird, dass sie ihren ersten Gesprächstermin erst in mehreren Jahren erhalten, werden sie in die Illegalität gedrängt», sagt der IGFM-Vorsitzende Rainer Rothfuss. In Thailand hat er gerade die Flüchtlinge in den Gefängnissen besucht.

Auf 25 Quadratmetern drängten sich demnach bis zu 80 Menschen, unter «furchtbaren hygienischen Bedingungen».

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