Bildquelle: Reuters

Syrien/Libanon: „Die Revolution überlebt nur, solange man selber überlebt“

(Bildquelle: Reuters)

Die Ideale der syrischen Revolution von 2011 haben im heutigen Syrien keinen Platz mehr. Doch Sofie Haddad ging dafür sogar einen Pakt mit der bewaffneten Opposition ein. Von Juliane Metzker, Beirut.

Es wird Nacht in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Die junge Syrerin Sofie Haddad blickt aus dem Fenster hinab auf die flackernden Lichter der Stadt. Ihre Augen wandern hin und her; als ob sie nach etwas sucht, das sie schon längst verloren hat. Sie beginnt zu singen: „Wir demonstrieren friedlich vor der Universität und rufen laut: Freiheit. Mit vereinten Stimmen fürchten wir uns nicht mehr vor dem Tod. Die Zeit der Sklaverei ist vorbei.“ Die Strophen sind aus einem Lied, das sie 2011 für die Revolution in Syrien geschrieben hat.

Sofie Haddad ist nicht ihr richtiger Name. Ihr Lächeln ist kein unbeschwertes Lächeln. Vor über einem Jahr floh sie aus Syrien in den Libanon. Dabei unterscheidet sich ihre Geschichte von den meisten der 1,1 Millionen syrischer Flüchtlinge im Land. Ihr richtiger Name steht auf der Fahndungsliste des Assad-Regimes und auch der „Islamische Staat“ (IS) würde sie lieber tot, als lebendig sehen. „Ich traue keinem mehr in Syrien. Es ist nicht sicher für mich vor dem Ende des Krieges zurückzukehren“, sagt sie.

Vor vier Jahren sahen junge Syrer begeistert zu, als die Regime in Tunesien und Ägypten wie Dominosteine kippten. Die damals 22-jährige Sofie, eine Archäologiestudentin, plante mit ihren Studienkollegen eine Demonstration zum „Tag des Zornes“ vor dem syrischen Innenministerium in Damaskus: „Am Abend zuvor lag ich im Bett, starrte an die Decke. Was wird geschehen? Ich wusste, dass unser Regime brutal ist. Aber ich glaubte fest daran, dass unsere friedliche Revolution siegen wird.“ Am nächsten Morgen sollte sie eines Besseren belehrt werden. Als die Studenten sich versammelten, warteten schon syrische Soldaten vor dem Ministerium. Mit Schlagstöcken trieben sie die Demonstranten auseinander. Sofie kam mit dem Schrecken davon.

Das Ende einer friedlichen Revolution

Im März folgten weitere Proteste in der Stadt Deraa in Südsyrien. Dabei fielen die ersten Schüsse auf Demonstranten. Vier Menschen starben – die ersten Todesopfer der Revolution. „Uns wurde klar, dass wir für die Freiheit mit unserem Blut bezahlen würden. Dass man uns gefangen nehmen, foltern und erschiessen wird. Doch wir waren bereit dafür“, sagt Sofie. Als immer mehr Menschen in Deraa, Homs und anderen Städten ums Leben kamen, traf sie eine riskante Entscheidung: Sofie begann zusammen mit der noch jungen „Freien Syrischen Armee“ (FSA) medizinische Hilfen und Essen zu den Menschen in umkämpfte Gebiete zu schmuggeln. Die FSA selber bestand zu großen Teilen aus desertierten Regime-Soldaten.

„Ich war nicht von Anfang an dafür, dass man uns mit Waffen verteidigte. Doch nachdem das Regime mehrere Massaker in syrischen Städten verübt hatte, gab es keinen anderen Ausweg mehr“, rechtfertigt Sofie die Selbstbewaffnung der FSA. Im März 2012 sah sie dann mit eigenen Augen das wahre Ausmaß der Auseinandersetzung zwischen dem syrischen Regime und der FSA in Homs. Die Stadt in Westsyrien wurde seit mehreren Monaten hart umkämpft. „Ich betrat eine Stadt des Todes. Immer wieder bombardierte das Regime ganze Straßenzüge aus der Luft. Egal, wo ich hinsah, waren da nur Ruinen und brennende Häuser. Der syrische Bürgerkrieg hatte begonnen.“

„Ich hielt mich für unverwundbar“

Nach Homs war sie gekommen, um die Zerstörung in der Stadt mit ihrer Kamera zu dokumentieren. Nicht viele sogenannte Medienaktivisten in Syrien waren Frauen. Doch Sofie lernte als eine der ersten, wie sie die Horrorbilder, mit denen sie dort konfrontiert wurde, verkraften konnte: „Vielleicht sagen Sie jetzt, dass ich verrückt bin. Denn ich sah so viele Tote und trotzdem habe ich weitergemacht. Es gab mir eine Art Adrenalinkick, dass ich bis jetzt überlebt hatte. Ich hielt mich für unverwundbar.“

Im Laufe des Jahres 2012 eroberte das syrische Regime mit Unterstützung der libanesischen Hisbollah-Miliz strategische Stützpunkte der FSA zurück. Der bewaffnete Widerstand wurde schwächer. Daraufhin übernahmen islamistische Gruppen wie die gut organisierte Nusra-Front das Kommando. Eines Tages bekam Sofie einen Anruf. Der Nusra-Anführer wollte sie sehen: „Ich hatte Angst. Das Gesicht der Revolution verzog sich zu einer Fratze. Ich konnte es nicht zulassen, dass die Islamisten die Kontrolle komplett an sich rissen. Also willigte ich ein, mit ihnen zusammenzuarbeiten.“ Sofie, die säkular eingestellt ist, glaubte seinen Worten, dass es der Nusra-Front nicht darum ginge, einen islamischen Staat auszurufen.

Hetzjagd auf Medienaktivisten

Gut anderthalb Jahre schmuggelte und filmte Sofie weiter unter der Obhut der FSA und Nusra-Front. Doch sicher fühlte sie sich schon länger nicht mehr. Denn in ihrem Umfeld wurden mehrere erfahrene Aktivisten hinterrücks ermordet. Hauptverdächtiger war Anfang 2014 eine noch relativ unbekannte Konfliktpartei in Syrien: der IS. Doch Aktivisten kamen auch in Gebieten ums Leben, die fest in der Hand der FSA waren. „Als Medienaktivisten versuchten wir, die Wahrheit über den Syrienkrieg zu vermitteln. Und wir fanden heraus, dass es in der FSA Verräter gab, die mit dem syrischen Regime kooperierten. Die wollten uns aus dem Weg schaffen“, sagt sie. Mit der Gewissheit weiterhin in Syrien zu bleiben, wäre Selbstmord gewesen. Deshalb floh Sofie im März 2014 in den Libanon. Im selben Monat starben nach ihren eigenen Angaben 76 befreundete Aktivisten und Mitglieder der FSA, unter denen auch ihr Verlobter Ahmad war.

Ein Jahr ist seitdem vergangenen. Fragt man sie heute, was von der Revolution in Syrien noch übrig geblieben ist, antwortet sie selbstbewusst: „Ich und viele andere, die jetzt im Ausland leben. Wer eine Revolution am Leben erhalten will, muss überleben. Eines Tages, wenn dieser Krieg vorbei ist, werden wir genug Kraft gesammelt haben, um unser Land neu aufzubauen.“

Bis dahin will Sofie syrischen Flüchtlingen helfen.

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