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Pakistan: Es gibt keine guten Taliban

(Bildquelle: Imago/Xinhua)

Seit vergangenem Juni kämpft die Pakistanische Armee gegen die Taliban in Waziristan. Millionen Menschen mussten fliehen – so wie Abdul Rehman, der in Islamabad darauf wartet, nach Hause zurückkehren zu können.

Der Parkplatzwächter vor der vierstöckigen Islamabad Mall, einem weißgrauen Gebäude mit großen Glasfenstern, teilt sich eine Zigarette mit ein paar Bekannten, die unter einem Vordach vor dem Nieselregen Schutz gesucht haben. In einem kleinen, etwas verwaist wirkenden Supermarkt im Erdgeschoss langweilt sich mangels Kundschaft Verkäufer Abdul Rehman und genießt die Aussicht auf die regenverhangenen, hügeligen Ausläufer der Margalla-Berge nahe Pakistans Hauptstadt Islamabad. „Hier sieht es ein wenig so grün und hügelig aus wie zu Hause“, sagt der schlaksige junge Mann etwas wehmütig.

Beginn der Großoffensive im Juni

Seine Heimatstadt Maidan Schahr in der Provinz Waziristan nahe der Grenze zum Nachbarland Afghanistan hat der 23-Jährige zuletzt Mitte des vergangenen Jahres gesehen, und er konnte seitdem nicht zurück. Denn im Juni 2014 begann die pakistanische Armee nach langem Zaudern eine Großoffensive gegen die einstige Hochburg des Terrornetzwerks Al-Kaida, der Islamischen Bewegung Usbekistan (IMU) und der pakistanischen Thereek-i-Taliban (TTP). Die TTP teilt zwar einen Namen mit den afghanischen Taliban, agiert jedoch unabhängig mit eigener Führung sowie mit teils gänzlich anderen Zielen.

Nach dem Massaker pakistanischer Talibankämpfer in einer Schule in Peschawar Mitte Dezember weitete die Armee die Offensive noch einmal aus. Bei der Talibanattacke kamen damals mehr als 150 Menschen ums Leben, darunter 136 Kinder. Die pakistanische Armee nahm seitdem mehr als 10 000 Extremisten und Terrorverdächtige fest und richtete bereits einige hin. Es ist ein blutiger Konflikt in einem Krisenherd, der angesichts der Ereignisse im Nahen Osten und nach dem weitgehenden Abzug westlicher Truppen aus dem benachbarten Afghanistan bereits in Vergessenheit geraten ist. Gemeinsam mit drei Millionen anderen, vom Konflikt vertriebenen Bewohnern der Provinz wartet Abdul Rehman auf das Ende der Offensive, die nun wohl mindestens bis zum Ende dieses Jahres fortgesetzt wird.

Viele kamen in Lagern in der Umgebung der Grenzstadt Peschawar oder bei Verwandten in Karachi unter. Abdul Rehmans Zuhause ist jetzt einer der Dienstbotenräume, den er sich mit vier anderen Männern in der Islamabad Mall in dem Örtchen Barakot 15 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Islamabad teilt. Der hochtrabende Name Islamabad Mall stammt von dem Besitzer Kamran Khan, einem Politiker aus Waziristan, der Barakot in eine kleine Enklave der Heimatprovinz verwandelte.

„Ich bin froh, dass ich hier Arbeit gefunden habe“, sagt Abdul Rehman, dessen Füße in ausgetretenen, knöchelhohen Sportschuhen mit lockeren Schnürsenkeln stecken. Er wäre lieber bei seiner Frau, die zusammen mit dem zweijährigen Sohn und der Großfamilie in einem Flüchtlingslager nahe der Stadt Bannu untergekommen ist. „Da gibt es keine Arbeit“, sagt er, „deshalb bin ich hier in Barakot.“ Sein Lohn ist nicht so hoch, wie der, den er als Verkäufer von Musikclips für Mobiltelefone in Miranschahr erhielt, als dort noch die Taliban herrschten. „Wir kommen durch“, sagt Abdul Rehman. „Es ist knapp, aber es reicht.“ Neben seinem Gehalt gibt es pro Monat noch 6 000 Rupien (60 Euro) von den Streitkräften und 3 000 Rupien für die Familie von Jamaat-ud-Dawa, einer Hilfsorganisation in Pakistan.

Die Gruppe gilt als organisatorisches Dach für die Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba, die bei einem Angriff auf die indische Finanzmetropole Mumbai im Jahr 2008 ein Massaker anrichtete. Jetzt sehen Pakistans Militärs in Waziristan offenbar keinen Widerspruch darin, Jammat-ud-Dawa oder Al-Khedmat, dem Hilfswerk der radikalislamischen Partei Jamaat Islami, humanitäre Arbeit dort zu erlauben, wo sie gerade mit ihren Soldaten gegen die Extremisten kämpfen.
Dabei verkünden die Generäle offiziell, sie würden keinen Unterschied mehr machen zwischen „guten Taliban“, die keine Anschläge innerhalb Pakistans verüben, und „schlechten Taliban“, die das Land während der vergangenen Jahre mit einer Gewaltwelle überzogen. Aber wieder einmal bekämpfen die Generäle den Terror, also die Symptome, nicht aber die Ursachen, den weit verbreiteten islamistischen Extremismus in Pakistan. Sogar die Luftwaffe vernachlässigte ihre Routineaufgaben entlang der indischen Grenze auf der anderen Seite im Osten und machte eher Jagd auf die Talibanmilizen im Grenzgebiet zu Afghanistan. Zudem gibt es eine eingespielte Kooperation mit den USA, die von der afghanischen Stadt Jalalabad aus Drohnenangriffe fliegen.

„Die haben alle eine riesige Angst vor den Drohnen“, erzählt in der Islamabad Mall der Arzt Mohammed Noor, der vor Einbruch des Winters seine Eltern aus dem abgelegenen und von jeder Versorgung abgeschnittenen Flecken Khan Alinoor zehn Kilometer von der Grenze holte. „Ich musste über Khost in Afghanistan anreisen“, erzählt er, eine Fahrt über holprige Straßen und durch Bombentrichter. „In dem Tal Lwara Manid bin ich vielen Taliban begegnet“, so der Arzt. Der kahlköpfige Mediziner ist mit seinem Zeugnis von der Universität in Minsk, der Hauptstadt von Weißrussland, eine Rarität in seiner Heimat. „Außer meinem Vetter, der mit mir studierte, spricht niemand sonst in Waziristan russisch.“ Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der sowjetischen Besatzung im benachbarten Afghanistan wirkt das Wort Russland in der Heimat der Mudschahedin immer noch abschreckend.

Eine Stunde lang musste der Arzt seine knapp 70 Jahre alten Eltern über Felsen und durch Bäche zu Fuß aus dem Niemandsland herausführen, in dem die Taliban vor der Armeeoffensive Zuflucht gefunden haben. Sein Fazit: „Die Armee hat sie zwar aus dem Gebiet vertrieben. Aber die meisten Taliban-Kämpfer sind bisher entkommen.“

Abgeriegelte Provinz

Wegen der Massenflucht der Zivilbevölkerung und der systematischen Abschottung durch die Militärs sickern nur wenige Informationen aus dem Kampfgebiet, in dem sich jahrelang auch ausländische Sympathisanten versteckten. Sie sind inzwischen offenbar Richtung Syrien und Irak verschwunden.

Verkäufer Abdul Rehman macht sich wenig Hoffnungen auf eine baldige Heimkehr. „Aber selbst wenn wir morgen schon zurückgehen könnten: Es wird Jahre dauern, bis wir uns wieder eine ordentliche Existenz aufgebaut haben“, sagt er. Offenbar versuchen Pakistans Militärs, den Extremisten das Leben mit einer Politik der verbrannten Erde zu erschweren.

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