Bildquelle: uncredited/ap/keystone

Bin-Laden-Dokumente: «Bereit für ein Selbstmordattentat?»

(Bildquelle: uncredited/ap/keystone)

Wie ein Massenmörder die Welt sah: US-Geheimdienste haben hunderte Dokumente Osama Bin Ladens veröffentlicht. Sie geben Einblick in die Gedankenwelt des Getöteten – und in die bürokratischen Strukturen des Terrors.

Wie einflussreich war Kaida-Chef Osama Bin Laden wirklich in seinen letzten Lebensjahren? War sein Versteck im nordpakistanischen Abbottabad, etwa drei Autostunden von der Hauptstadt Islamabad entfernt, so etwas wie die Kommandozentrale des Terrornetzwerks?

Die US-Geheimdienste haben an diesem Mittwoch auf richterliche Anordnung hin mehr als hundert Dokumente veröffentlicht, die Aufschluss geben über Weltsicht und Mentalität des einstigen Top-Terroristen und seiner Anhänger.

Briefe, Anweisungen, Schriftstücke

Die Papiere stammen direkt aus Bin Ladens Besitz, wurden beim Zugriff der US-Spezialeinheit Navy Seals am 2. Mai 2011 in Abbottabad gefunden (die Dokumente können Sie hier einsehen). Darunter finden sich unter anderem Briefe, die Bin Laden an seine Familie geschrieben hat, Anweisungen an al-Kaida sowie Dutzende Schriftstücke, deren Verfasser oder Adressaten nicht zu erschliessen sind. Ein Überblick:

Die banal-bürokratischen Strukturen des Bösen illustriert ein Aufnahmeformular für den Dschihad in Afghanistan und Pakistan. Man möge es, so die Anweisung, falls nicht auf Arabisch dann in der Sprache ausfüllen, die man beherrsche. Neben Name, Alter, Beruf, Hobbys, Sprachkenntnissen wird gefragt, wie viel vom Koran man auswendig rezitieren könne. «Arbeitet jemand aus Ihrer Familie oder aus Ihrem Freundeskreis für die Regierung [gemeint ist vermutlich die pakistanische; Anm. d. Red.]? Wenn ja, wäre er/sie bereit zu kooperieren oder zu helfen?» Und dann: «Sind Sie bereit, ein Selbstmordattentat auszuführen?» Der Interessent muss am Ende noch angeben, ob er irgendwelche Erbkrankheiten hat und wer im Falle seines Märtyrertodes benachrichtigt werden soll: Adresse, Telefonnummer.

So sah ein «Bewerbungsformular» aus. (Bildquelle: J. David Ake/ap/keystone)
So sah ein «Bewerbungsformular» aus. (Bildquelle: J. David Ake/ap/keystone)

Aus den Dokumenten geht hervor, dass Bin Laden im «Arabischen Frühling» die Chance sah, den Einfluss des Westens in der Region zu schwächen. Die «gigantischen Ereignisse» würden «muslimisches Land von amerikanischer Vorherrschaft befreien», schreibt er in einem Brief. Ägypten sei dabei das wichtigste Land, der Fall von Mubarak werde «zum Fall der restlichen Tyrannen in der Region führen». Er stelle fest, dass die westlichen Staaten «schwach» seien und ihre internationale Bedeutung abnehme.

Fokus auf die USA

Zuvor war Bin Laden fixiert auf die USA. Der Fokus der Kaida-Aktivitäten «sollte darauf liegen, die US-Bevölkerung und ihre Vertreter zu ermorden und zu bekämpfen», heisst es in einem Papier. Den Kampf gegen den Westen nennt er einen «Dritten Weltkrieg».

Gross ist die Angst vor US-Drohnenschlägen. Die Angriffe «besorgen und erschöpfen uns», heisst es in einem Dokument, der Gegner «profitiert sehr». Viele Terrorfunktionäre seien ums Leben gekommen. Bin Laden selbst erteilt in einem Brief aus dem August 2010 seinen Getreuen den Rat, sich nur «an bewölkten Tagen» aus dem Haus zu bewegen, um der Überwachung aus der Luft zu entgehen.

Im selben Brief warnt der Terror-Anführer vor E-Mail-Kommunikation. «Wir sollten davon ausgehen, dass der Feind unsere E-Mails lesen kann», denn: «Die Computer-Wissenschaft ist nicht unsere Wissenschaft und wir haben sie nicht erfunden.»

Keine Arztbesuche möglich

In einem weiteren Dokument werden diverse Probleme aufgelistet, darunter das schwierige Management der Terror-Immigranten. «Wir haben Araber, Usbeken, Türken, Turkmenen, Leute vom Balkan, Russen, Deutsche und andere. Da ist so viel Chaos, wir versuchen das zu beheben.»

Einen «Islamischen Staat» lehnte Bin Laden offenbar ab, vorerst zumindest. In einem Brief rät er, man solle sich auf den «Hauptfeind» konzentrieren und US-Botschaften in Afrika attackieren.

Vieles ist private Korrespondenz. In mehreren Schreiben fragt Bin Laden Verwandte nach dem Wohlbefinden anderer Familienangehöriger, äussert immer wieder den Wunsch nach einem Wiedersehen. Vor der Rückkehr einer seiner Ehefrauen aus Iran bittet er sie, «alle medizinischen Bedürfnisse, insbesondere wenn es um Deine Zähne geht», noch zuvor zu erledigen – «denn unsere Sicherheitssituation hier erlaubt uns keinen Arztbesuch». Briefe von Angehörigen finden sich unter den Abbottabad-Dokumenten ebenso. So berichtet etwa Bin Ladens Sohn Khalid einem Adressaten von seiner Verlobung.

Eines der gesicherten Dokumente aus Bin Ladens Versteck. (Bildquelle: epa/odni)
Eines der gesicherten Dokumente aus Bin Ladens Versteck. (Bildquelle: epa/odni)

Keine Autos aus Deutschland

Mal spendet Bin Laden den afghanischen Taliban Trost nach dem Tod mehrerer Kämpfer, mal schickt er dem pakistanischen Taliban-Chef Hakimullah Mehsud, der Ende 2013 von den USA per Drohne getötet wurde, freundlich formulierte Anmerkungen und Kritik zu religiösen und politischen Themen.

Ein Papier listet wirtschaftliche Fakten über Deutschland auf. Ein Boykott der deutschen Automobilindustrie, so heisst es dort, werde zu Jobverlusten und geringeren Steuereinnahmen für die Regierung führen. Güter aus Deutschland könne man am besten durch japanische oder südkoreanische Produkte ersetzen.

Manch Dokument ist unfreiwillig komisch. In einer Art Terrorhandbuch etwa heisst es, bereits bestehende amerikanische Anti-Regierungsorganisationen sollten mobilisiert werden.

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