Bildquelle: Lars Heidrich / FUNKE Foto Service

Ein Tag in der Massenunterkunft – so leben Flüchtlinge

(Bildquelle: Lars Heidrich / FUNKE Foto Service)

Wie lebt es sich in einer Massenunterkunft? Wie sieht es dort aus, was gibt es zu tun, was sollte man besser lassen: Ein Tag in einem Flüchtlingsheim (von Hubert Wolf).

Bala Akel ist ein Schlitzohr. Foto erlaubt? „Sure“, sicher, sagt er, klettert vom Hochbett und stellt sich auf – man stellt sich in Syrien ordentlich auf für Fotos. Kurz reden? Einen Monat sei er jetzt hier, sagt der 29-Jährige, alles sei gut, wenn er auf der Straße eine Adresse suche, helfe ihm jeder, „und jeder lächelt dich an“. Aber eigentlich gehe er nicht viel raus. Klettert wieder aufs Hochbett, legt sich auf den Rücken und wartet weiter. Stunden später sieht er uns im Essenszelt wieder, kommt herbei. Wir müssten aber auch bestimmt schreiben, dass Fiona Zerres „best woman“ ist. Einfach die Beste.

504 Plätze, 302 davon belegt

Fiona Zerres koordiniert die Notunterkünfte des Arbeiter-Samariter-Bundes in Bochum, wie diese Ex-Schule; aber eigentlich kommt sie aus der Straßenrettung, und das war ihr eine Schule. Lachend erzählt sie, wie sie einmal ein Roma-Kind verlegen musste und welches Theater es gab, weil fünf Verwandte auf dem Trittbrett mitfahren wollten. Sie hat durchgesetzt, dass die nicht mitfahren. So, das ist sie.

Aber dies ist keine Geschichte über sie. Sondern über das Leben in der Massenunterkunft. 504 Plätze, heute 302 davon belegt, „wir haben 200 frei gemeldet, da kommt bestimmt noch ein Anruf von der Bezirksregierung“, sagt Heimleiter Thiemo Biber.

Vier bis 22 Hochbetten stehen in jedem Raum, Bauzäune sollen ein Minimum an Privatsphäre schaffen. Den ganzen Tag über werden Männer auf dem Hof stehen, reden und telefonieren, stehen und reden und telefonieren. Das ist ihre Art, darauf zu warten, dass ihr Name auf einer der Verlegungslisten auftaucht (die der Frauen ist es, sich um die Kinder zu kümmern). Dann geht es in eine kommunale Unterkunft. Turnhalle oder Wohnung, das weiß man dann immer noch nicht. „Please don’t miss the bus 2015-10-20, 8.00.“ Bis dahin besteht der Tag aus drei festen Mahlzeiten, alles andere ist freiwillig. Deutsch. Handarbeiten. Fußball.

Die Busse kommen immer nachts

Registrierte und Unregistrierte kommen hier an, Geröntgte und Ungeröntgte, angekündigte Busse und Überraschungsbusse, aber beides immer nachts; „wir machen hier alles“, sagt Biber. Menschen, die die heiß begehrte „Büma“ schon haben („Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender“) und Menschen ohne. Die Menschen ohne kommen spätestens am nächsten Tag zur Leitung. „Yesterday I came no card for me.“ Bis sie ein Vorzimmer einrichten konnten, wo jetzt auch immer Sozialbetreuer sitzen, ging seine Tür minütlich auf: „Question?“ Am späten Nachmittag isst er kalte Brühwürstchen. Auf dem Kühlschrank klebt ein großes Schild: „Staff only“, „Nur für Personal“.

Plötzlich steht ein kleiner, syrischer Kurde auf dem Schulhof, der einen Kumpel abgeben will; wo und wie der hergekommen ist, wird nicht klar. Der Kleinere lebt schon drei Jahre in Deutschland, bei der Gelegenheit: Was würden Syrer nie tun, was in Deutschland völlig normal ist? Er zögert, will nicht unhöflich sein. Auf Nachfrage: „Dass Paare oder Freundinnen sich auf der Straße küssen.“

Und ein Pakistani, der schon 15 Jahre in Bochum ist und der hier hilft, sagt: „Ich kann mich gut in diese Menschen hineinversetzen. Für sie ist alles fremd. 200 Prozent fremd.“ Wie Bala gehen die meisten eigentlich nur ungern weg: Sie fürchten, etwas zu verpassen. Gerade deshalb ist ja die Kleiderkammer bei der Kirche 500 Meter weit weg: Wer seinen Gutschein gegen Kleidung eintauschen will, muss in die deutsche Wirklichkeit.

„Wand“ steht an der Wand

Es wird dauern, ihre Geschichten zu prüfen. Flüchtlinge, natürlich. Aber es sind auch Urlauber darunter, Rucksack-Touristen, Abenteurer und solche, die erzählen, ihre Frau habe sie geschickt, zu gucken, was man in Europa kriegen kann. Manche verschwinden über Nacht: Wer sich mehrfach registrieren lässt, erhält mehrfach 30 Euro. Sie können bei Angehörigen sein. Oder nach Hause. Mit Fingerabdrücken ließe sich das lösen, aber das ist nicht Stand der Dinge.

„Die Flüchtlinge erkennt man im Verlauf“, sagt Zerres: „Wer sich einbringt, wer Deutsch lernt, wer keinen Unfug macht. Flüchtlinge sind unendlich dankbar.“ Wie Mahboob Shamsurrachman, einer von drei Pakistani, die von morgens bis abends Waschmaschinen und Trockner bedienen. Die Afrikaner, die den Hof kehren und Mülleimer leeren, die Menschen, die dolmetschen. Im Essenszelt aufräumen. Die Küche sauber machen. Einen Euro bekommen sie pro Stunde, aber das ist es ja nicht.

Nein, sie arbeiten, sie dürfen gelbe Westen tragen und empfinden, dass sie weiter seien als andere. Oder Erkan, Hamsa, Abdul im Deutschkurs, einem von 30 in dieser Schule. Ein Zettel mit der Aufschrift „Wand“ hängt an der Wand, „Fenster“ am Fenster und „Uhr“ an der Uhr. „Morgen Abend ich arbeite in der Firma“, pauken sie gerade. So schnell wird es nicht gehen.

„Und niemals Polizisten bestechen!“

Mit Bordmitteln versucht der ASB, in eine chaotische Gegenwart ein paar Korsettstangen einzuziehen. Klare Ansagen am ersten Abend: Wer sich anstellt, kommt eher dran. „Tun Sie sich den Gefallen und versuchen nicht, einen Polizisten zu bestechen.“ Passiert ist in der Schule bisher nichts, nicht selbstverständlich bei so vielen Vorstellungen darüber, was natürlich richtig ist. Somalier finden Waschmaschinen unhygienisch. Chinesen ekeln sich vor Klobrillen. Bangladeschis räumen die Zäune aus ihrem Zimmer, auch wenn sie sich nicht kennen: Sie wollen als Gruppe schlafen. Jamaikaner sind immer lustig. „Sogar unsere Jamaikaner sagen, sie wären aus Syrien.“

„Eigentlich ist es am besten, wenn wir voll sind, dann muss nachts keiner raus“, hatte Zerres gesagt. Aber der Anruf der Bezirksregierung ist natürlich gekommen.

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