Warten auf Europa

(Bildquelle: AMEPRES/krj)

Die Flüchtlingszahlen in der spanischen Enklave Ceuta steigen wieder

Jeden Tag zwischen 10 und 12 Uhr vormittags gleiche Bild: Hunderte Flüchtlinge bilgern vom Auffanglager für Immigranten – auf einem Hügel über der Stadt gelegen – Richtung Zentrum . Wir stehen an diesem Donnerstag vor Ceutas Entsalzungsanlage, die die 85.000 Einwohner der spanischen Enklave mit Trinkwasser versorgt, und blicken über eine kleine Mauer auf die Playa de Benítez, dem nördlichen Strand Ceutas.

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Einige der Afrikaner haben hier Pause gemacht, sitzen im Sand, plaudern, beten und richten ihren Blick immer wieder nach Norden. Heute ist es klar und auch wir können ihn sehen: Den Felsen von Gibraltar. In klaren Nächten, so erzählt uns der 22 jährige Rami aus Mauretanien, kann man sogar die Lichter der spanischen Hafenstadt Algeciras sehen. Von hier aus sind es bis dorthin 21 Kilometer. Über das Meer, die viel befahrene Straße von Gibraltar mit ihrer starken Strömung.

Seit 14 Monaten träumt Rami davon, auf die andere Seite zu kommen, nach Europa. Er und derzeit rund 25000 Flüchtlinge, die in Ceutas Refugee-Camp auf ihre Weiterreise zum spanischen Festland warten.

Spanien – Zahlen steigen wieder

Noch vor kurzer Zeit versuchten bei Massenanstürmen auf die Grenzzäune Ceutas und Melillas weitaus mehr Flüchtlinge nach Europa zu kommen. Noch im Jahr 2006 gelangten nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 39000 Menschen illegal auf spanisches Gebiet. Doch seit Mitte 2014 war Spanien kein bedeutendes Einlasstor für Migranten und Flüchtlinge mehr. Im letzten Jahr kamen nur knapp 8000. Laut spanischem Innenministerium sanken die Zahlen aufgrund der Grenzschutz-Kooperation mit Marokko. Zudem schloss Madrid mit Senegal, Mauretanien und Nigeria komplexe Rückführungsabkommen, was viele Afrikaner von einer Flucht nach Spanien abgeschreckt hatte.

Die Standardmigrationsrouten nach Europa führen zwar nach wie vor von den Konfliktgebieten in Nahost über das östliche Mittelmeer oder den Balkan und Spanien liegt damit geographisch nicht an den Hauptfluchtrouten, dennoch steigen die Zahlen wieder massiv an.
Anders als in Deutschland, sowie den meisten EU-Staaten, ist der unerlaubte Aufenthalt nach spanischem Recht keine Straftat, sondern lediglich eine Ordnungswidrigkeit. In den Auffanglagern dürfen Einwanderer demnach maximal 60 Tage festgehalten werden. Das gilt theoretisch auch in Ceuta, in der Praxis jedoch bleiben die mesiten der hier Angekommenden über Monate. Hier gibt es ein professionell organisiertes europäisches Schleppernetzwerk, dass die Flüchtlinge in Gruppen gebuffert in ihr EU-Wunschland transferiert. Zwar erfordert der bis zu 5000 Euro teuere Transfer viel Geduld, doch gilt er unter den Flüchtlingen hier als vermeintlich sicher. So nutzen Tausende das sichere Ceuta als Zwischenziel, bis sie von ihren Familien Geldnachschub aus der Heimat erhalten und dann das Go der Schlepper bekommen.

Arbeitsplatz Parkplatz

Einer der Parkplätze über dem Strand ist „Arbeitsplatz“. Eigentlich dürfen die „illegalen Einwanderer“ nicht arbeiten, doch die Sicherheitskräfte drücken beide Augen zu. Auch Rami winkt Autos in Parklücken. Fast alle Fahrer geben gerne ein paar Cent dafür, auch wenn sie es ohne Hilfe schaffen würden. Die Afrikaner haben die Parkplätze der Innenstadt unter sich aufgeteilt. Die „Illegalen“ aus dem nördlichen Afrika machen ihren Job an den Straßen entlang des Nordstrandes.

Man hat sich in Ceuta nicht nur an den stetigen Strom von kommenden und weiterziehenden Menschen gewöhnt, sondern es hat sich eine verselbstständigt wachsende Infrastruktur entwickelt, die Chancen bietet.

In der städtischen Schule für Fremdsprachen beginnt um 18.00 Uhr der Anfängerkurs Deutsch. Rami ist heute in der Stadt geblieben, um sich von der Lehrerin, einer Spanierin, gemeinsam mit 15 Mitschülern die Basics der deutschen Sprache beibringen zu lassen. Die Immigranten dürfen kostenlos an den Kursen teilnehmen. Rami witzelt: „Vielleicht kann ich ja in Deutschland dann das richtige Deutsch lernen.“ Noch träumt er, wie alle anderen die hier am Eingang zu Europa gestrantet sind, von einem „live in dignity“ – drüben, wo die Lichter der spanischen Hafenstadt Algeciras die andere Welt ein wenig heller scheinen lassen, als sie ist.

autorkrj

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