Bildquelle: Annika Leiste / Berliner Zeitung

Berlin: IT-Experten entwickeln Apps für Flüchtlinge

(Bildquelle: Annika Leiste / Berliner Zeitung)

Beim Refugee-Hackathon entwickeln Profis Apps für Flüchtlinge und ihre Helfer. So könnten die Programmierer per App die unerträgliche Wartesituation vor dem Lageso verbessern oder Dolmetscher-Tools anbieten. (Von Annika Leister)

Ein Team von IT-Experten will schaffen, woran Behörden seit Monaten scheitern: die Schlangen vor dem Lageso verkürzen. Bisher müssen Flüchtlinge warten, bis ihre Nummer auf einem Bildschirm vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) aufpoppt. Das kann Tage oder Wochen dauern. Weil das System undurchsichtig ist, muss man vor Ort bleiben. In Zukunft sollen Flüchtlinge auf der von Freiwilligen entwickelten Seite „lagesonum.de“ mit ihrer Nummer und nur einem Klick erfahren, wann sie an der Reihe sind. „Die Menschen müssen nicht in der Kälte stehen“, sagt der 37-jährige Peter Palmreuther. „Und könnten ihre Zeit mit Sinnvollem verbringen.“

Laptop an Laptop

Palmreuther ist IT-Spezialist und arbeitet in einer Berliner Behörde. Ehrenamtlich hilft er im Rathaus Wilmersdorf bei der Betreuung von Flüchtlingen. Am vergangenen Samstag und Sonntag war er in Friedrichshain unterwegs: „Lagesonum“ ist eines von mehr als 20 Projekten, an denen dort rund 300 Programmierer, Entwickler und Webdesigner wie Palmreuther auf Hochtouren gearbeitet haben. Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg hatte zum „Refugee-Hackathon“, einem Hack-Marathon, aufgerufen, um Apps für die Unterstützung von Flüchtlingen zu entwickeln. Sie wurde von Zusagen überrollt.

Berliner, Kölner und Münchner beugten sich neben Programmierern aus Bukarest und Kalifornien in Locations in der Andreasstraße und am Franz-Mehring-Platz über ihre Laptops. Laut Domscheit-Berg ist es die größte Veranstaltung ihrer Art in Europa. Dabei stehen nicht nur Anwendungen für Neuankömmlinge, sondern auch für deren Unterstützer im Fokus: „Wir können helfen, die Arbeit von Freiwilligen von Null auf Hundert zu professionalisieren“, sagt sie.

Was aber brauchen die beiden Zielgruppen überhaupt? Um diese Frage zu beantworten, kamen am Freitag mehr als 50 Helfer und Flüchtlinge aus Syrien, Kamerun, Somalia, Pakistan und Afghanistan zu einem Workshop zusammen. Die Flüchtlinge wünschten sich Dolmetscher-Tools für Arabisch, Farsi oder Bürokraten-Deutsch; Kontaktbörsen; verifizierte Informationen zur Rechtslage und immer wieder: Werkzeuge für die Koordination von Freiwilligendiensten und zur Steuerung von Sachspenden.

Viele Ansätze existieren bereits, die Szene hat die Krisen-Monate keineswegs verschlafen. Die Webseite „Volunteer-Planner“ läuft seit drei Monaten, inzwischen sind dort 19 000 Freiwillige angemeldet. Sie können sich für Schichten in 14 Berliner Unterkünften eintragen, für Hilfe bei der Essensausgabe oder dem Kinderprogramm, fürs Sortieren im Lager oder für Übersetzer-Dienste.

Am Samstag hat die Seite eine neue Marke geknackt: 50.000 geleistete Hilfsstunden wurden darüber schon vermittelt. „Die Menschen haben echt Bock zu helfen“, sagt Mitinitiator Riaan Stipp, Manager für IT-Projekte. „Und zwar konkret und unbürokratisch. Wir helfen ihnen dabei.“ Als nächster Schritt soll der „Volunteer-Planner“ in andere Städte expandieren – beim Hackathon schafft das Team dafür die Möglichkeiten auf der Webseite.

Mit gemeinsamen Interessen das Eis brechen

Das ebenfalls in Berlin gegründete Projekt „We Connect“ will Einheimische und Neuankömmlinge auf Augenhöhe anhand ihrer Hobbys zueinander führen: Kunst, Sport, Musik, Essen und Bildung stehen als Kategorien zur Auswahl. „Wir wollen zeigen, dass Flüchtlinge einfach Menschen sind und mit gemeinsamen Interessen das Eis brechen“, sagt der 23-jährige Nicolas Reynolds. Mithilfe der angereisten Experten ist an diesem Wochenende der Prototyp für ihre App in weniger als 48 Stunden fertig geworden.

Nicht immer aber läuft die Zusammenarbeit so entspannt wie beim Hackathon. Das Online-Wartenummern-System „Lagesonum“ ist ohne Mithilfe des Amts zum Scheitern verurteilt. Zurzeit tippen Ehrenamtliche von „Moabit hilft“ die Nummern von der Anzeigetafel in der Turmstraße ab. Wenn sie denn Zeit dafür finden. Zu spät, zu unsicher – die Daten sind so kaum zu gebrauchen. Nur das Lageso könnte Abhilfe schaffen, indem es die verifizierten Nummern weitergibt, die demnächst an der Reihe sind.

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