Bildquelle: Denis Ficon / Kölner Stadt-Anzeiger

Die Community des Jürgen Todenhöfer

(Bildquelle: Denis Ficon / Kölner Stadt-Anzeiger)

Die muslimischen Anhänger des Publizisten Jürgen Todenhöfer verehren ihn wie einen Messias und betrachten sich als die friedliebenden Töchter und Söhne Allahs. Sie sind gebildet und gut vernetzt. (Von Harald Biskup)

Das Polizei-Aufgebot ist gewaltig, die Ausbeute des Groß-Einsatzes eher bescheiden. In Erwartung eines Schlages gegen die Frankfurter Drogen-Mafia sind mehrere Mannschaftswagen vor dem Saalbau im Stadtteil Griesheim aufgefahren, die Beamten tragen schusssichere Westen und gehen mit Maschinenpistolen im Anschlag auf einen am Boden liegenden jungen Mann zu. Am Ende bleibt es bei der Konfiszierung einiger Plastiktüten und der Aufnahme der Personalien. Eine Stunde früher wären hier zwei Welten aufeinandergeprallt – der offenbar für einen Kurier gehaltene arbeitslose libanesische Kleindealer und die 700 überwiegend jungen Leute, die nach einer Veranstaltung mit Jürgen Todenhöfer aus der Halle strömen. Die meisten von ihnen ebenfalls mit Migrationshintergrund, aber gut ausgebildet und akzentfrei Deutsch sprechend. Viele von ihnen haben Todenhöfers neues Buch unterm Arm, natürlich handsigniert.

Es ist der vorläufig letzte Auftritt von Todenhöfer auf seiner Tournee durch deutsche Großstädte – und nach Wien. „Das gehört ja nicht mehr zu Deutschland, und das ist auch gut so“, wird er irgendwann an diesem Abend bemerken – und nur verhaltenen Beifall ernten. Dabei versteht er es im allgemeinen ausgezeichnet, sich auf sein Publikum und auch auf dessen Humor-Ebene einzustellen. Auf seine Anhänger, auf seine Fans. Für viele, die in die trotz Klimaanlage nicht wirklich angenehm temperierte Halle gekommen sind, ist der Publizist und frühere Medien-Manager so etwas wie ein Idol. Auf Facebook ist man ohnehin in mehr oder weniger ständigem Austausch („meine Seite hat eine größere Reichweite als die der Kanzlerin“). Jetzt will seine Gemeinde ihren Messias live erleben.

Dass er zu spät kommt, erhöht zwar die Spannung vor dem Auftritt, ist aber kein plumper Trick der Regie. Jürgen Todenhöfer ist im Stau stecken geblieben – nicht nur wegen des Feierabendverkehrs, sondern weil der Hessische Rundfunk noch ein Statement von ihm wollte. Es gibt kein Vorprogramm, und Cheerleader erübrigen sich. Die Lesung ist als One-Man-Show konzipiert – mit unterschiedlichen Passagen zwar, doch mit immer den gleichen Versatzstücken, Auszügen aus seinem offenen Brief an den Kalifen Ibrahim Awwad Abu Bakr Al Bagdadi zum Beispiel, in Gänze nachzulesen im Buch. Die im Untergeschoss vor den Garderobeständern ausgerollten Gebetsteppiche werden zusammengepackt. Er ist da.

Viele türkischstämmige im Publikum

Auf dem Weg durch den Mittelgang zur Bühne wird Todenhöfer, Jeansjacke und Stofftasche leger über den linken Arm gehängt, schon mit rhythmischem Klatschen gefeiert. Oben angekommen ruft er aus, er habe eben bekannte Gesichter entdeckt, die er zuletzt in Afghanistan gesehen habe. Und direkt an einen jungen Mann gewandt: „Du siehst ja richtig zivil aus, wenn du in Deutschland bist.“ Die Frotzelei kommt an beim Publikum. Es gibt einen leichten Männerüberhang, aber es sind auch viele Frauen im Saal. Eine Minderheit mit Kopftuch, einige ganz wenige verschleiert.

In der vorletzten Reihe sitzt Robert. Er ist 31 und Konvertit. „Aber ich habe nicht vor, in den Heiligen Krieg zu ziehen“, sagt er später lachend im Foyer. Besonders gut hat ihm eben Todenhöfers Hinweis gefallen, dass der IS deutsche Rückkehrer als „Fahnenflüchtige“ betrachtet, „das weiß hier aber keiner“. Per Handy dirigiert Robert noch ein paar Kommilitonen von der Islamischen Hochschulgruppe an der Goethe-Universität zum Veranstaltungsort. Mit Roberts Hilfe versuchen wir, einen Überblick über die Zusammensetzung des Publikums zu erhalten. „Ganz überwiegend Leute mit Wurzeln in muslimischen Ländern. Das geht quer durch von Marokko bis Pakistan. Mehr Iraner als Türken.“ Bei anderen Todenhöfer-Auftritten, etwa in Essen zwei Wochen vorher, sind auch sehr viele türkischstämmige Zuhörer im Publikum, vor allem Studenten.

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Jürgen Todenhöfer stellte im April sein Buch in Berlin vor. Mit den Erlösen hat er Kindern in Gaza geholfen. (Bildquelle: dpa)

Es gibt sie längst, die Todenhöfer-Community, nicht nur virtuell im Netz, sondern ganz real zum Beispiel in Berlin, München, Essen und eben jetzt in Frankfurt. Robert nennt die Anhängerschaft Todenhöfers, die nirgendwo organisiert, aber gut vernetzt sei, „die friedliebenden Töchter und Söhne Allahs“. Es sind die meist in Deutschland geborenen, unauffälligen, integrierten, gut ausgebildeten und oft auch gebildeten Migrantenkinder mit guten bis sehr guten Berufs- und Entwicklungsperspektiven. Hießen sie nicht Leila oder Hassan, Aische oder Okan, man würde ihre Wurzeln kaum ahnen. „Diese Hey-Alter-Typen mit Macho-Gehabe und tiefergelegtem Golf GTI“, erläutert, beinahe überflüssig, der Ethnologe Robert noch, „die verirren sich hierhin natürlich kaum.“

Aber es wäre interessant, was sie von Todenhöfers Thesen halten. Dass der Islamische Staat schrecklich ist, weil seine Führer unter Berufung auf den Koran Entwicklungshelfern die Köpfe abschlagen, der Islam selbst aber wunderbar. Weil er weiß, dass diese Frage irgendwann ohnehin kommt, nimmt er die Kritik an seinen angeblich zu harmlosen Fragen an die IS-Oberen vorweg: „Ich lade alle Journalisten ein, nach Syrien zu fahren und härtere Fragen zu stellen.“ Beifall. Und der IS-Kämpfer, den er beim Cheeseburger-Essen und beim Cola-Trinken „erwischt“ habe, trifft die Stimmung in der Halle exakt. Der Islamische Staat predige, auch dies ein Muss in jeder Veranstaltung, „seine Privat-Religion und seine Privat-Scharia“. Und noch so ein Merksatz: IS und Islam hätten so wenig gemein wie Liebe und Vergewaltigung.

„Hochachtung für Ihren Einsatz für die Wahrheit“

Doch wir, der Westen, so Todenhöfers Überzeugung, haben diesen Terrorismus erst gezüchtet. Wie viele Menschenleben auf das Konto des IS bis jetzt schon gingen, will eine junge Frau wissen. „Weiß ich nicht“, bescheidet Todenhöfer die Fragestellerin, „ich weiß nur, dass der IS, den ich für eine verbrecherische Organisation halte, weniger Menschen getötet hat als George W. Bush.“ Ihn nennt er mit Vorliebe „den größten Mörder der Gegenwart“. Bei vielen Leuten im Saal, zum großen Teil Akademiker, kommen diese undifferenzierten Attacken Richtung Washington gut an. Genauso wenn er „den Westen“ auffordert, seine Hände vom Mittleren Osten fernzuhalten: „Wir haben dort nichts zu suchen.“

Noch mehr Applaus bekommt Todenhöfer von seinen Anhängern jedoch, wenn er mit dem IS ins Gericht geht und ihm Rassismus vorwirft, „ja Antisemitismus“, weil er gleichermaßen Juden und Muslime verachte. „Und beide sind ja Semiten.“ Allah möge ihn stoppen, hat er dem Kalifen Al Bagdadi geschrieben und ihm geraten, seine Terror-Bande in AIS umzubenennen, in „Anti-Islamischer Staat“. Eine ganze Gruppe junger Männer, die sich zu Wort gemeldet hat, bekundet dem Ex-CDU-Politiker und einstigen Richter „Hochachtung für Ihren Einsatz für die Wahrheit“. In solchen Lobeshymnen sonnt sich der 74-Jährige gern. Hatte er während seines Vortrags doch die Devise ausgegeben, „die Gier nach Wahrheit“ habe ihn „mein ganzes Leben lang angetrieben“.

Im neuen Audimax der Universität Essen erhält Todenhöfer am Ende seiner Zwei-Stunden-Show nicht nur den obligatorischen Blumenstrauß seines Verlages, sondern stehende Ovationen. Ist er für ihn ein Idol, fragen wir Okan Ciftci, der sich mit seinen Freunden um den Büchertisch schart. „Das wäre zu viel gesagt, aber ein Hoffnungsträger ist er in meinen Augen schon.“ Der gelernte Bürokaufmann ist 25 und beginnt demnächst ein Bauingenieurstudium an der Fachhochschule Mülheim/Ruhr. Okan ist Kurde und von seinen zur alevitischen Minderheit zählenden Eltern religiös liberal und tolerant erzogen worden. Religion sei ihm nicht wichtig, inzwischen fühle er sich als Atheist, sagt er. Auch ohne Todenhöfers Buch schon gelesen zu haben, wisse er, wie er tickt, und stimmt seiner These zu, dass Amerika zu 80 Prozent an der vertrackten Lage im Nahen und Mittleren Ost Schuld trägt. Das ändere aber nichts daran, und auch darin stimmt er mit Todenhöfer überein, dass die Leute vom IS „Barbaren und fehlgeleitete Irre“ sind. Was die Community an ihm schätzt? „Seinen Mut, seine alternative Sichtweise auf Syrien und den Irak, und dass er sich über Lösungen zumindest Gedanken macht.“ Gerade wegen solcher Positionen werden die Todenhöfer-Bewunderer in allerlei Blogs als „Deppen“ beschimpft. Sie störe offenbar nicht, dass „der Mann den kurdischen Kampf gegen den IS diskreditiert“.

Eine Reihe weiter diskutiert Elias Ariaghani (25), der in Aachen Maschinenbau studiert, mit seinen Freunden. Manchmal kommt Todenhöfer ihm zu lasch und zu zahm vor: „Er will bloß verhandeln, er ist zu nett.“ Andererseits sagt der Sohn afghanisch-tadschikischer Einwanderer, die Mutter Lehrerin, der Vater Arzt: „Er fordert, was mir schon lange vorschwebt – einen modernen und moderaten Islam.“

Sprachrohr einer ganzen Religion?

Deswegen betrachte er wie viele in der Community Todenhöfer als ihr Sprachrohr. „Wir sind keine Chaoten und nicht auf den Kopf gefallen.“ Und viele, glaubt Elias, betrachteten sich wie er selbst als „Moslems des 21. Jahrhunderts“. Und Todenhöfer gelte mit seinen Ansichten als Autorität, findet Chalil S., der gerade seine medizinische Doktorarbeit an der Uni Essen begonnen hat. Todenhöfer spreche die Intellektuellen an, weil ihm alles Radikale zuwider sei. Unbestreitbar sehe sich Todenhöfer auch als Missionar, aber das werde ihm von der Community nicht übel genommen, weil der Respekt vor seinem Einsatz überwiege: „Er setzt ja unheimlich viel aufs Spiel.“

Selbst die manchmal arg platte Werbung des Bestseller-Autors für sein jüngstes Werk wird ihm augenscheinlich nicht verübelt. Und auch nicht die gebetsmühlenartigen Appelle an seine Anhänger, sich in die Gesellschaft einzubringen: „Gehen Sie in Vereine! Machen Sie bei der Feuerwehr mit! Engagieren Sie sich sozial und seien Sie besser als die Ur-Deutschen. Ich sag nur einen Namen: Franck Ribéry.“ Stürmischer Applaus, während am Ausgang ein Buffet mit allerlei orientalischen Köstlichkeiten aufgebaut wird, Falafel zum Beispiel und frittierte Datteln.

Und dann ein letzter vermutlich überflüssiger Appell ans Wir-Gefühl seiner Jüngerinnen und Jünger: „Meine Facebook-Seite – das ist Ihre Seite. Wir sind eine Stimme, die sich einsetzt für Respekt gegenüber dem Islam. Wir sind gemeinsam eine Stimme der Mäßigung.“

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