Bildquelle: DW / O. Gill

Die Helden von Lesbos: Freiwillige Helfer

(Bildquelle: DW / O. Gill)

Täglich stranden Boote mit Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos. Offizielle Helfer gibt es kaum. Stattdessen retten Freiwillige die Menschen und helfen, wo sie nur können. Aus Lesbos berichtet Omaira Gill.

Agios Panteleimonas ist ein Heiliger und bekannt für seine Wunder und seinen unerschütterlichen Glauben. In diesen Tagen sind auf dem nach ihm benannten Friedhof in Mytilene keine Wunder zu finden. Der Friedhof ist in drei Klassen unterteilt, von ganz teuren und begehrten Gräbern ganz vorne am Eingang, bis hin zur preiswerten letzten Reihe. Mittlerweile gibt es eine neue Kategorie hinter den Gräbern der Armen: die Gräber der Flüchtlinge.

In einer Ecke am hinteren Ende des Friedhofs sind Erdhügel, die in einem anderen Winkel aufgeschüttet sind, als die restlichen Gräber. „Unsere Toten liegen mit dem Gesicht Richtung Osten“, erklärt Christos Mavraheilis, „aber Moslems fragen, ob sie ihre Toten Richtung Mekka beerdigen können.“
Es sind die letzten Ruhestätten derer, die kein Glück bei der lebensgefährlichen Überfahrt von der Türkei nach Lesbos hatten. Die Gräber sind mit Nummern versehen, dem Beerdigungsdatum und Worten wie „unbekannter Minderjähriger“ oder „unbekannter Afghane“.

„Unser Platz wird knapp, wir sind bereits vollkommen überfüllt“, sagt Mavraheilis. Eine lokale menschenfreundliche kirchliche Organisation übernimmt die Bestattungen. DNA-Proben werden in den Krankenhäusern entnommen und gespeichert, in der Hoffnung, irgendwann Verwandte der Verstorbenen zu finden. Einige identifizierte Leichen warten auf ihre Rückführung in die Heimat. Viele Leichen konnten bisher noch nicht beerdigt werden.
Mavraheilis zeigt auf ein frisches Grab. „Sie haben uns diese Leiche gebracht und uns angefleht, diesen Menschen zu begraben, obwohl wie keinen Platz mehr haben. Ich weiß nicht, wie wir weitermachen sollen. Besonders wenn ein Kind beerdigt werden muss, weinen auch alle einheimischen Frauen. Wir sind doch alle Menschen, “ erzählt er. „Sie haben ihre Heimat für eine bessere Zukunft verlassen, die sie nie gesehen haben.“

Rekordankünfte

Jeden Tag überqueren Boote das Meer Richtung Lesbos. Wenn die Boote anlanden, ist die Atmosphäre angespannt. Solange bis die Bootsinsassen nach den ersten Metern auf dem Festland realisieren, dass sie in Sicherheit gelandet sind. Dann werfen sie ihre Rettungsringe ins Wasser, klatschen und jubeln zur Freude der anwesenden Presse, die sich wie vorprogrammiert am Strand versammelt.

Im Rathaus von Mytilene sagt Pressesprecher Marios Andriotis, dass am vergangenen Freitag trotz heftigen Winds und sintflutartigen Regengüssen die Insel ihren eigenen Rekord gebrochen hat und 9.500 Flüchtlinge in über 180 Gummibooten, so viele wie nie zuvor, auf Lesbos angekommen seien.

Andriotis meint, dass es sie gefreut hat, als Angela Merkel das gegenüber Europas Staatschefs ausgesprochen hat, was die Behörden von Lesbos seit Wochen und Monaten wiederholen: „Wir dürfen unter keinen Umständen die Flüchtlingskrise den Menschenschmugglern überlassen. Das ist genau das, was wir momentan tun.“

„Wir betrachten es als falsch, dass die türkische Regierung darüber verhandelt, was sie als Gegenleistung dafür bekommen könnte, wenn sie diese Verbrechen stoppt“, erklärt Andriotis. Die Sicherheit von Müttern und Kindern, die vor Europas Augen ertrinken, ist nicht verhandelbar.“

„Ein Strand für jeden“

Über eine halbe Million Flüchtlinge sind 2015 über Lesbos nach Europa gekommen. In Moria, der zentralen Registrierungsstelle der Insel, sind die Gegebenheiten bedrückend. Hauchdünne Zelte stehen außerhalb der umzäunten Registrierungsstelle. Die Luft mit dem widerlichen Geruch von abgebranntem Holz und Plasitik geschwängert. Die Flammen kommen den Zelten beängstigend nah.

Wenn die Tore der Registrierungsstelle öffnen, drängen die Menschen hinein und sind aufbrausend. Genervte Helfer versuchen, den Leuten trockene Kleidung auszugeben. „Wir haben nichts anderes, was wir ihnen geben könnten“, ruft Susanne Penninkhof von der erst kürzlich gegründeten niederländischen Hilfsorganisation, Leben für Leben, über die Köpfe der Menschen hinweg.

An den Stränden von Skala Sikaminias im Norden von Lesbos versammeln sich Tag und Nacht freiwillige Helfer, Mediziner und Straßenkehrer. Eric and Philippa Kempson, ein britisches Pärchen, das auf Lesbos lebt, beschreiben die Probleme, die sie mit aggressiven Fotografen haben. Sie beschweren sich auch über große Hilfsorganisationen, die auf dem Rücken der Krise große Fundraising-Kampagnen starten, dessen Geld aber nicht auf der Insel ankommt und einigen neuen und kleineren Organisationen, die mit ihren eigenen Forderungen auftauchen.

„Einige Gruppen wollen die alleinige Kontrolle über den Strand“, sagt Eric Kempson. „Aber so funktioniert das nicht. Der Strand gehört jedem.“ Jeden Tag durchlaufen sie die selbe Routine: Aufstehen mit Einsetzen der Morgendämmerung, um die Menschen aus den Booten zu retten. „Heute war ein guter Tag“, sagt Philippa. „Wir haben niemanden verloren.“

Symbol der Güte

Die 83-jährige Marissa Mavrapidou sitzt auf einer Bank in Sikaminias. Ein Foto zeigt sie und ihre Freunde, wie sie das Baby einer geflüchteten Frau trösten. Das Foto wurde in den Sozialen Medien weit verbreitet. Im Angesicht des ganzen Elends wurden die Frauen zu einem Symbol der Güte.

„Die Mutter ist gerade gestrandet und war völlig durchnässt. Sie hatte das kleine Baby im Arm, das gerade mal sechs Wochen alt war“, schildert sie die Umstände, unter denen das Foto entstand. „Mit Händen und Füßen haben wir ihr erklärt, dass sie das Kind bei uns lassen könne, um sich trockene Kleidung anzuziehen.“ Mavrapidou erklärt weiter: „Das Baby schrie. Also haben wir der Mutter erklärt, dass wir eine Flasche mit warmer Milch holen.
Die hat das Baby sofort ausgetrunken.“

„Unsere Mütter sind aus Anatolien geflüchtet“, sagt Mavrapidou. Es ist ihre Familiengeschichte, die sie dazu bringt, mit ihren Freundinnen täglich zum Flüchtlingslager in Sikaminias zu kommen. Dort bieten sie ihre Hilfe an.

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