Bildquelle: Antonio Bat / epa / keystone

«Flüchtlinge schätzen unsere Anwesenheit sehr» – Hilfswerke wehren sich gegen Kritik

(Bildquelle: Antonio Bat / epa / keystone)

Die Lage an Europas Aussengrenzen wird immer prekärer: Flüchtlinge stehen stunden- und manchmal tagelang in der Kälte und im Regen, um sich registrieren zu lassen. Freiwillige Helfer befürchten bald erste Todesfälle – und sie fühlen sich im Stich gelassen. Einerseits von den Behörden, aber auch von den etablierten Hilfswerken: Diese müssten mehr Soforthilfe leisten, als sie dies tun, lautet der Tenor.

Hilfswerke weisen diesen Vorwurf zurück und betonen, dass auch sie an den Brennpunkten wichtige Arbeit leisten. Das Kinderhilfswerk «Terre des Hommes» etwa ist in Serbien und Mazedonien im Einsatz. Dort kümmern sich zwei Psychologen um die ankommenden Flüchtlingskinder.

«Flüchtlinge und Freiwillige schätzen sehr unsere Anwesenheit, unsere Erfahrung und unseren professionellen Ansatz», sagt Sprecher Marc Kempe. «Freiwillige bringen uns oft Spiel- und Malsachen, weil sie sehen, wie unsere Profis mit den Kindern arbeiten.» Aufgrund mangelnder Erfahrung könnten freiwillige Helfer nicht immer passend auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge reagieren.

Im Gegensatz zu privaten Helfern, die oft zeitlich begrenzt anwesend seien, seien die NGOs auf eine Autorisation angewiesen, da sie gute, langfristige Beziehungen zu den Behörden pflegen wollen, so Kempe.

Das kann dazu führen, dass die Hilfswerke etwas schwerfälliger operieren als die lose organisierten privaten Netzwerke. «Die Behörden sind nicht immer sehr kooperativ», sagt Cécile Kirwan, die für «Terre des Hommes» (TdH) im Einsatz war. «In Mazedonien war zum Beispiel ein Meeting zwischen NGOs und Vertretern der Migrationsbehörde geplant. Doch diese sind nicht gekommen.»

Grundsätzlich ist man jedoch froh um die privaten Helfer. «Die Freiwilligen leisten als Ergänzung zur professionellen Arbeit der Hilfswerke in der Regel eine sehr gute Arbeit. Wichtig ist die Zusammenarbeit aller Beteiligten», sagt Kirwan.

24-Stunden-Betrieb geplant

Auch Leo Meyer vom «Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz» (HEKS) fände es schade, wenn Freiwillige und Hilfswerke gegeneinander arbeiten würden. «Es gibt viel zu tun. Gemeinsam schaffen wir es besser», sagt er. Das HEKS unterstützt eine Partnerorganisation in Serbien, die dort im Einsatz ist, wo Flüchtlinge zu Fuss über die Grenze gehen.

Die Organisation habe in den letzten vier Wochen 28 Tonnen Hilfsmittel an rund 45’000 Flüchtlinge verteilt. Nahrungsmittel, Bekleidung und Schlafutensilien. Meyer lobt die Freiwilligen: «Sie können sehr schnell sehr viele Leute mobilisieren.» Das sei sehr wertvoll. «Wir sind dafür schon seit 23 Jahren in Serbien und können auf unsere Erfahrung und auf das lokale Netzwerk zurückgreifen», so Meyer weiter.

Ein Kritikpunkt, den mehrere freiwillige Helfer im Gespräch gegenüber watson geäussert haben, ist, dass die Hilfswerke nachts kaum anwesend seien. Das möchte das HEKS ändern: «Wir überlegen uns, in Serbien auf einen 24-Stunden-Betrieb auszubauen», sagt Meyer.

TdH ist gemäss Marc Kempe im Einsatz, bis alle Hilfsgüter verteilt seien. «Viele Freiwillige bleiben die ganze Nacht im Einsatz, aber das können wir nicht», so der Sprecher. «Wir haben kein ausreichendes Budget dafür, und man kann zwei Psychologen nicht 24 Stunden am Tag arbeiten lassen.»

Das HEKS bereitet sich nun auf den Winter vor: Statt leichter Zelte sollen nun beheizbare Container als Nothilfeposten aufgestellt werden. Für die Übernachtung der Flüchtlinge suche man mit anderen Organisationen wie dem Roten Kreuz und dem Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR nach einer Lösung.

«Ich bin überzeugt, dass der Flüchtlingsstrom in den nächsten zwei Monaten nicht abreissen wird», sagt Leo Meyer vom HEKS. «Diese Menschen erleben in Syrien seit vier Jahren einen grausamen Krieg, sind zum Teil durch Minenfelder gegangen, haben das Mittelmeer mit Schleppern von der Türkei nach Griechenland überquert. Sie werden sich nicht vom europäischen Winter abschrecken lassen.»

Das Rote Kreuz, ein komplexes Gebilde

Mehrere Personen haben das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) gebeten, an den Brennpunkten der Balkanroute zu helfen. Damit das möglich wäre, müsste jedoch zuerst das Rote Kreuz des jeweiligen Landes Hilfe anfordern. «Das SRK ist von Slowenien und Ungarn nicht um Hilfe ersucht worden», sagt Sprecherin Katharina Schindler. Man habe jedoch Hilfe für die Balkanroute angeboten.

Das Rote Kreuz sei ein komplexes Gebilde. «Wir sind in diese Struktur eingebunden und können nicht einfach spontan Hilfe leisten. Doch sie ermöglicht auch ein koordiniertes und nachhaltiges Vorgehen», sagt Schindler.

Was die aktuelle Flüchtlingskrise betrifft, ist das SRK in zwei Ländern aktiv. In Serbien wurden knapp 200’000 Franken für Hilfsgüter zur Verfügung gestellt. In Griechenland stellt die Organisation neben Geld für Hilfsgüter eine Ärztin und einen Logistiker zur Verfügung. Kostenpunkt: 250’000 Franken.

Auch Katharine Schindler begrüsst freiwillige Initiative – solange man niemandem im Weg stehe. «Im Idealfall ergänzen sich die Hilfsformen», sagt Schindler.

Ein Tropfen auf den heissen Stein

Ob Freiwillige oder NGOs: Die Helfer sind überfordert. Täglich berichten Augenzeugen von immer schlimmer werdenden Zuständen.

Ein Video einer freiwilligen Helferin in Rigonce an der kroatisch-slowenischen Grenze zeigt, wie Flüchtlinge nasse Kleider, Müll und Plastik verbrennen, um sich aufzuwärmen. Der giftige Rauch würde die Luft verpesten, so die Helferin.

Schon länger fordern NGOs ein grösseres Engagement der europäischen Länder. «Europa ist ganz offensichtlich nicht darauf vorbereitet, die Tausenden von Flüchtlingen zu betreuen, die jetzt vor ihren Grenzen stehen», sagte Vito Angelillo, Geschäftsführer von «Terre des hommes» kürzlich.

Amnesty International und andere NGOs fordern die Schweiz auf, keine Flüchtlinge mehr in EU-Grenzstaaten zurückzuschaffen. In Ungarn, Italien oder Griechenland würden Flüchtlinge unmenschlich behandelt; es käme beinahe täglich zu «schweren Menschenrechtsverletzungen».

Gemäss dem Dublin-Abkommen müssen die Asylanträge von Flüchtlingen in jenem EU-Land behandelt werden, das diese als erstes betreten haben.

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