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Flugzeugkatastrophe in Ägypten: 96 Stunden Schweigen – wo bleibt Putin?

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Vier Tage sind seit dem Absturz des russischen Passagier-Jets über der Sinai-Halbinsel vergangen. Doch statt seinem Volk beizustehen, steckt Putin den Kopf in den Sand. Russland fühlt sich im Stich gelassen. (Von Ellen Ivits)

Als am 7. Januar Islamisten die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ stürmten und zwölf Menschen erschossen, war Francois Hollande nur wenige Stunden nach dem Anschlag am Tatort. Ein paar Tage später marschierte der französische Präsident Hand in Hand mit Millionen Franzosen durch Paris. Als am 24. März Andreas Lubitz eine Germanwings-Maschine in den Alpen zerschellen ließ und 149 Menschen mit in den Tod nahm, war Bundeskanzlerin Angela Merkel am nächsten Tag an der Absturzstelle und trauerte um die Opfer.

Als am 31. Oktober eine russische Passagiermaschine mit 224 Menschen an Bord über der Sinai-Halbinsel abstürzte, blieb Russlands Präsident Wladimir Putin zu Hause. Verbarrikadierte sich hinter den dicken Kremlmauern – keine mitfühlende Ansprache an die Nation, kein Kondolenzbesuch bei einer Trauerfeier, kein gefühlvoller Auftritt am Unglücksort. 96 Stunden Schweigen.

Vier Tage sind seit dem Absturz des Airbus 321 inzwischen vergangen. Und nicht nur die Absturzursachen bleiben rätselhaft. Russland fragt sich deshalb immer öfter: Wo ist Wladimir Putin? Der Mann, dessen Gesicht sonst gefühlt 100 Mal am Tag von den Fernsehbildschirmen flimmert, traut sich in diesen schweren Tages nicht unter sein Volk, er traut sich nicht einmal, zu seinem Volk zu sprechen – abgesehen von einem wortkargen Statement am Rande eines Treffens mit dem Verkehrsminister, mehr als einen Tag nach der schlimmsten Katastrophe der russischen Luftfahrt.

„Momente, in denen vieles verziehen oder aber niemals vergeben werden wird“

Die Russen fühlen sich zunehmend von ihrem Präsidenten im Stich gelassen. „Man kann auf Worte verzichten, aber man darf sich nicht seinem Volk entziehen, seinem Volk den Beistand und den Angehörigen der Opfer eine Umarmung verweigern“, schreibt die Kolumnistin und Putin-Biografin Natalia Gevorkyan in einem Kommentar für „Radio Swoboda“. „Solche historischen Augenblicke offenbaren den Charakter eines Politikers. Es sind Momente, in denen vieles verziehen oder aber niemals vergeben werden wird. Ein Präsident, der in einem solchen tragischen Augenblick nicht dort ist, wo sein Volk unglücklicherweise sein musste, ist ein schwacher Politiker und ein Feigling“, urteilt Gevorkyan und spricht damit vielen aus der Seele.

In den sozialen Netzwerken machen sich die Menschen Luft und schimpfen über ihren sonst geliebten Präsidenten. „Damit ein abstürzendes Flugzeug Putin zum Weinen bringt, müsste er schon drin sitzen“, schreibt zum Beispiel ein Nutzer auf Twitter. Ein anderer meint: „Wladimir Putin wendet sich nicht an die Nation. Durch seinen langen Aufenthalt an der Macht ist seine Empathiefähigkeit abgestorben.“ Ein dritter witzelt: „So spät dran war Putin noch nie – seine Schweigeminute für die 224 toten russischen Bürger hält nun schon den dritten Tag an.“

Auch der Blogger Alexej Naryschkin fragt sich, wo das Staatsoberhaupt bleibt. „Wo ist Putin? Heute warte ich auf ihn, wie noch nie zuvor. Ich will keine Presseerklärung des Kremls sehen, sondern den echten Präsidenten. Komm raus Putin und sage, lüge wenn es sein muss: Mitbürger, ihr braucht keine Angst zu haben. Ich habe alles unter Kontrolle!“

Blumen am Roten Platz – aber nicht für die Absturzopfer

Es ist nicht das erste Mal, dass Putin in brenzligen Situationen sich in seltsame Schweigsamkeit hüllt. Nach der Geiselnahme von Beslan waren es drei Tage, nach dem Mord an dem oppositionellen Politiker Boris Nemzow waren es zehn Tage. Doch die tragische Dimension des Flugzeugunglücks in Ägypten verlangt ein starkes Signal. Die Putin Biografin Gevorkyan schreibt: „Die Menschen sind bereit, selbst verwirrten Worten zu glauben, wenn sie aufrichtig sind. Und sie sind nicht bereit, selbst die schönsten Wörter zu verzeihen, wenn sie gleichgültig sind. Und sie werden auf jeden Fall niemals die Abwesenheit ihres politischen Anführers im Moment einer nationalen Tragödie verstehen.“
Am Mittwoch traute sich Putin doch, vor die Kremlmauern zu gehen. Am Feiertag der „Nationalen Einheit“ legte er am Roten Platz Blumen nieder. Aber nicht etwa, um der Absturzopfer zu gedenken. Er ehrte damit das Andenken an die Anführer des Volksaufstandes gegen die polnische Intervention 1611 und ihren Sieg über die Polen 1612.

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