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Zentralsyrien: Zwischen Krieg und Normalität – auch Hama soll Assads Stadt werden

Der Bürgerkrieg in Syrien ist mit dem Fall Aleppos noch lange nicht beendet. Besonders umkämpft ist die Provinz Hama. Sie ist seit vielen Jahren Ziel unterschiedlichster Machtinteressen. (Von Birgit Svensson, Suleimanija)

Während sich die blutige Schlacht um Aleppo dem Ende zuneigt, wird in Syrien an vielen Fronten weiter gekämpft. Vor allem in der zentralsyrischen Provinz Hama gibt es fast täglich Tote und Verletzte. Die Hilfsorganisation Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM)berichtete zuletzt von einem Giftgasangriff auf mehrere Orte der Provinz. Demnach hatten am Dienstag Kampfjets Bomben auf mehrere Dörfer abgeworfen, die sich in den Händen von Dschihadisten befinden. Mehr als 90 Zivilisten sollen getötet und rund 300 weitere verletzt worden sein.

Ärzte in der Umgebung berichteten der UOSSM von den Opfern und ihren Symptomen. Bei der Attacke sei „eine geruch- und farblose Chemikalie eingesetzt worden“, die die Atemwege der Opfer angegriffen habe, sagte ein Sprecher der Organisation. Der Frontverlauf in Hama ist schwer nachvollziehbar. In einigen Dörfern rund um die gleichnamige Provinz-Hauptstadt, die von Assads Truppen kontrolliert wird, hat sich die Terrormiliz IS festgesetzt, gleichzeitig sind dort auch Rebellengruppen aktiv.

Wer nicht töten will, geht weg

Klar sind dagegen die Ziele von Diktator Baschar Al Assad. „Was Assad zuallererst will ist, die Rebellen zu besiegen“, sagt ein aus Hama geflohener Christ, der sich Dahoud nennt. Der hochgewachsene Syrer in elegantem Anzug und Krawatte hat im irakisch-kurdischen Suleimanija Arbeit bei einem internationalen Unternehmen gefunden. Seine guten Englischkenntnisse haben ihm dabei geholfen. Er sei kein Flüchtling, betont der 27-Jährige, sondern eher ein Gastarbeiter. „Denn viele Syrer, die nicht in die Armee wollen, haben ihre Heimat verlassen.“ Wer keine Menschen umbringen wolle, gehe weg. Das hätten Muslime und Christen gemeinsam.

„Wenn man außerhalb Syriens einen Job und eine Aufenthaltsgenehmigung hat, kann man für vier Jahre vom Militärdienst befreit werden“, erklärt Dahoud weiter. Danach müssten die Männer zum Wehrdienst nach Syrien zurück oder sich für 8.000 US-Dollar freikaufen. Er habe jetzt gut drei Jahre in Irak-Kurdistan hinter sich. Was er nächstes Jahr tue, wenn die Frist abgelaufen ist, weiß er noch nicht. „Auf keinen Fall will ich auf meine Landsleute schießen“, so viel stehe fest.

Stadt und Provinz im Fadenkreuz

Dahoud berichtet von Maharda, einem Dorf, 23 Kilometer nordwestlich von Hama, in dem nur Christen leben und das fast täglich angegriffen werde – mal von islamistischen Gruppen, mal von Regierungstruppen. Es ginge dort ständig hin und her, und die Christen seien mittendrin. Hama ist dagegen fest in Regierungshand. Die Stadt ist nicht nur strategisch wichtig, sondern für Syrien auch von hoher Symbolkraft. An der Fernstraße zwischen Aleppo und Damaskus gelegen, gehört sie zu den ältesten durchgehend besiedelten Metropolen des Landes.

Vor Beginn des Aufstandes gegen Assad vor fast sechs Jahren zählte sie 900.000 Einwohner, jetzt sind es etwa 1,5 Millionen. Viele Menschen seien mit Beginn des Bürgerkrieges aus anderen Regionen nach Hama geflohen, weil es dort sicherer sei, berichtet Dahoud. Das Leben verlaufe dort noch in einigermaßen normalen Bahnen. Seine Schwester und sein Bruder gingen zur Universität, seine Eltern zur Arbeit. Nur abends sollte man lieber zuhause bleiben. Momentan werde gegen Lösegeldzahlungen gekidnappt. Durch seinen Status als „Gastarbeiter“ könne er nach Syrien zurückfahren und seine Familie besuchen, sagt Dahoud. Das letzte Mal war er im Sommer dort.

Zeit, zu gehen

Dahoud gerät ins Schwärmen, wenn er von Hama spricht. Seit der Römerzeit gäbe es dort Wassermühlen, 126 Wasserräder in der ganzen Stadt. Er zeigt einen kurzen Videofilm auf dem Smartphone, auf dem Kinder zu sehen sind, die auf die Speichen der Räder klettern und sich ins Wasser hinuntergleiten lassen. Bilder von friedlichen Zeiten, die heute fast schon unwirklich anmuten. Als seine Heimatstadt im Frühjahr 2011 zu einem Zentrum des Protestes gegen das Regime in Damaskus wurde, rückte die syrische Armee gewaltsam in die Stadt ein und tötete viele Menschen.

Ibrahim Qaschusch, der Verfasser des Revolutionsliedes „Yallah, Irhal ya Bashar“ (komm schon Baschar, es ist Zeit zu gehen) stammt aus Hama und wurde angeblich nur wenige Tage nach dem Einmarsch der Armee mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Jetzt soll ein Foto von ihm im Internet von irgendwo in Europa aufgetaucht sein, wo er im Exil leben soll. Dahoud ist skeptisch über die Nachricht.

Wohnort als politisches Bekenntnis

Schon einmal richtete die syrische Armee in Hama ein Blutbad an. Im Februar 1982, gingen die Regierungstruppen gegen Mitglieder der sunnitischen Muslimbrüder vor, die die Stadt zum Widerstandszentrum ausgebaut hatten. Dabei wurden schätzungsweise 30.000 Menschen getötet und insbesondere in der historischen Altstadt große Verwüstungen angerichtet. Dieses Massaker brachte dem damaligen Staatspräsidenten Hafez al-Assad den Beinamen „Schlächter von Hama“ ein.

Die Christen, weiß Dahoud, fühlten sich damals von den Islamisten bedroht und empfanden Assad als Beschützer. In der Haltung zu dessen Sohn Baschar seien sie jedoch gespalten. Aber diejenigen, die noch in Syrien sind, würden ihn unterstützen.

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