Archiv der Kategorie: Pressespiegel Türkei

Istanbul – die verwundete Stadt – Ein Jahr nach dem Anschlag auf Sultanahmet

Ein Selbstmordattentäter tötete vor einem Jahr zwölf Deutsche in der Istanbuler Altstadt. Es ist der erste schwere Terroranschlag in der Millionenmetropole, für den die Terrormiliz IS verantwortlich gemacht wird. Eine Zäsur für Stadt und Einwohner.

Im Istanbuler Viertel Sultanahmet wirbelt der Schnee um den ägyptischen Obelisken neben der berühmten Blauen Moschee. Weiß und unschuldig sieht der Ort aus, an dem vor einem Jahr bei einem Selbstmordattentat zwölf deutsche Touristen getötet und zahlreiche verletzt wurden. Als wollte der Schnee die schmerzhafte Erinnerung etwas abdämpfen.

Ein Selbstmordattentäter hatte sich am Morgen des 12. Januar 2016 neben dem Obelisken in die Luft gesprengt. Er steuerte direkt in eine deutsche Reisegruppe hinein. Die türkischen Behörden identifizierten den Attentäter später als den aus Syrien stammenden Nabil Fadli. Er soll im Auftrag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt haben. Die Terrorgruppe bekannte sich jedoch nicht dazu.
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EU-Gipfel: Kein Verzicht auf Flüchtlingspakt mit Türkei

Trotz des massiven Vorgehens der türkischen Führung gegen ihre Kritiker hält die EU am Flüchtlingspakt mit Ankara fest.

Die EU-Staats- und Regierungschefs erklärten am Donnerstagabend, eine „vollständige“ Umsetzung „aller Aspekte“ der Vereinbarung vom März sei wichtig. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan warnte die Europäer erneut davor, die versprochene Visa-Liberalisierung für türkische Bürger doch nicht einzuführen.
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Anschlag fordert 44 Menschenleben – prokurdische Politiker festgenommen

Nach dem Doppelanschlag in der Türkei sind mehr als hundert Vertreter der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) festgenommen worden. Bei den landesweiten Einsätzen seien unter anderem die HDP-Chefs in Istanbul und Ankara in Gewahrsam genommen worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Die insgesamt 118 Verdächtigen sollen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gehabt haben.
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Türkei: PKK kündigt ihren Angriffsverzicht auf

(Bildquelle: AMEPRES/Euronews-Screen/krj)

Die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK hat ihren seit einem Monat geltenden einseitigen Angriffsverzicht auf den türkischen Staat aufgekündigt. Grund seien die Kriegspolitik der AKP und die anhaltenden türkischen Militäreinsätze gegen die PKK, hieß es in einer Erklärung.

Am Mittwoch hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan signalisiert, die türkische Führung strebe vorerst keinen neuen Friedensprozess an werde entschlossen gegen die PKK vorgehen. Nun sei die Zeit für Ergebnisse, sagte Erdogan.

Der Konflikt war nach dem Wahlen im Juni wieder ausgebrochen.

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Aggressive Rhetorik, autoritäre Politik, eskalierende Gewalt: Wird die Türkei zu einem zweiten Pakistan?

(Bildquelle: dtj-online)

Wenn es um die Innen- und Sicherheitspolitik der Türkei geht, ist immer wieder davon die Rede, dass die Türkei zu einem Staat wie Iran oder Pakistan werden oder gar in einen Bürgerkrieg abrutschen könnte. Prof. Dr. Bacık geht den Befürchtungen auf den Grund.

Am 8. August 2015 behauptete HDP-Politiker Ayhan Bilgen, dass die Gefahr eines Bürgerkriegsausbruchs in der Türkei tatsächlich bestehe. Leyla İpekçi hingegen erklärte bereits am 20. Juli 2015 in der Yeni Şafak, solche, die einen Bürgerkrieg anzetteln wollten, hätten die notwendigen Knöpfe in uns betätigt. Und am 28. Juli 2015 schrieb Işıl Özgentürk in der Cumhuriyet, dass vielen Bürgern der Gedanke eines Bürgerkriegs große Sorgen bereite.

Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kreisen, auch solche, die sich gegenseitig bekämpfen, diskutieren über die Gefahr eines Bürgerkriegsausbruchs in der Türkei. Dass die Eliten über die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs debattieren, beweist den politischen und sozialen Bankrott eines Landes. Allein die Diskussion darüber bedeutet für uns alle den Ruin. Für den Bürger eines Staates kann es nichts Gravierenderes geben. Wenn in einem Land allmählich Bürgerkriegsszenarien die Runde machen, kann die endgültige Katastrophe nicht mehr weit entfernt sein.

Sind es nur die Eliten? Vor einigen Wochen fragten mich auf einer Bosporus-Fähre zwei Mitbürger, nachdem sie erfuhren, dass ich Politikwissenschaftler bin, ob sich die Türkei einem Bürgerkrieg annähert. Das erlebte ich zum ersten Mal. Ich war sehr überrascht. Als jemand, der an Fragen gewöhnt ist wie „Was passiert in Syrien?“ oder „Was wird aus der Kurdenfrage?“, wurde ich erstmals mit einer solchen Fragestellung konfrontiert. Das Bürgerkriegsgerücht beschäftigt also nicht mehr lediglich die Elite des Landes, sondern auch einfache Bürger, denen man überall im Alltag begegnet.

Von Zeit zu Zeit werden Diskussionen geführt wie „Verkommt die Türkei zu einem neuen Pakistan?“ oder „Ähnelt das Land immer mehr Malaysia?“ Diese Diskussionen spiegeln weder die Realität wider, noch sind sie gänzlich falsch. Denn tatsächlich herrschen gegenwärtig an der türkisch-syrischen Grenze pakistanische Verhältnisse. Auf der anderen Seite hat die Türkei eigene soziale Wirklichkeiten und kann deshalb nicht zu einem neuen Pakistan verkommen. Allerdings soll dies nicht heißen, dass in der Türkei keine chaotischen Zustände auftreten würden.

Die Türkei neigt zu Chaos und Gewalt

Die Türkei produziert, seiner eigenen Vergangenheit und seinen eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeiten entsprechend, chaotische und gewalttätige Zustände. Ein Blick in die Historie des Landes zeigt, dass sowohl in der osmanischen Zeit, als auch in den Anfängen der Republik bereits Erfahrungen mit der eigenen Art von Gewalt- bzw. Chaosproduktion gemacht wurde. Sicherlich ist die Türkei kein Pakistan, dennoch besteht die Gefahr, dass das Land den eigenen Verhältnissen entsprechend in eine Gewaltspirale abgleiten kann.

Es können einige Besonderheiten der chaotischen Zustände und der Gewalt in der Türkei seit osmanischer Zeit festgestellt werden:

  • Die ethnischen und konfessionellen Spannungen sind noch immer nicht bereinigt und ebnen der türkischen Art von gesellschaftlichen Spannungen den Weg.
  • In der Türkei trägt der Staat nicht zur Lösung von Spannungen bei, sondern ist im Gegenteil mit dem Schläger in der Hand ein Teil des Problems. Seit den Celali-Aufständen im Osmanischen Reich hat sich das nicht geändert. Eine mit dem Staate verbundene Clique ist stets die Quelle des eigentlichen Problems.
  • Wann immer das gesellschaftliche Chaos in der Türkei eine außenpolitische Komponente hat, kann sich das „anatolische Volk“ nicht auf einer gemeinsamen Linie finden. In außenpolitischen Fragen zerteilen ethnische und konfessionelle Faktoren das „anatolische Volk“ in mehrere Einzelteile. Dies lässt sich sowohl in den osmanisch-iranischen als auch türkisch-syrischen Beziehungen beobachten.

Kurz gesagt, es muss gesehen werden, dass die Türkei basierend auf den eigenen historischen Erfahrungen ein gewisses Gewalt- bzw. Chaospotenzial beherbergt. Deshalb wäre es sinnvoller, zu schauen, wie das eigene Gewaltpotenzial behoben werden kann, statt sich mit der Aussage zu beruhigen, die Türkei sei kein zweites Pakistan.

Der Sprachgebrauch der türkischen Politik hat längst die Grenzen des zivilen Umgangs gesprengt. Leider zählt dies zu den wichtigsten Anzeichen eines drohenden Bürgerkriegs. Was genau heißt das? Das heißt, dass sich gegenüberstehende Gruppen als solche sehen, „die vernichtet werden müssen“. Allmählich etabliert sich der Gedanke „Die anderen müssen ausgerottet werden“.

Die politische Rhetorik verroht

Die Sprache der Medien, Politik und des Alltags artet Schritt für Schritt in eine Gewaltsprache aus. Die Sprache der heutigen Politik und Medienwelt des Landes ähnelt einer Vorbereitungsphase auf einen bevorstehenden Bürgerkrieg. Wenn wir uns von dieser Gewaltsprache nicht verabschieden, können wir uns nicht verständigen, sondern ganz im Gegenteil werden uns sehr viel schlimmere Zeiten bevorstehen.

Das zweite große Anzeichen ist, dass einige politische Bewegungen ihre Basis radikalisieren, um ihre eigene Existenz zu sichern. Die Radikalisierung der Basis durch politische Führungspersonen ist wie Heroinabhängigkeit. Eine solche Art von Politik erfordert jeden Tag die Radikalisierungsdosis ein wenig zu erhöhen. In der Türkei erlebt man diesen Umstand in vielen Bereichen. Politische Führungspersonen fordern von ihrer Basis, die anderen zu hassen. Das ist wie eine gezielte Frontenbildung vor einem Bürgerkrieg.

Die berühmte türkische Schriftstellerin Halide Edip Adıvar bezeichnete die Ära des Befreiungskriegs als „die Prüfung der Türken mit dem Feuer“. Heute hingegen spielen die Türken mit „dem Feuer“. Die komplette türkische Gesellschaft spielt mit dem Feuer.

Es ist schon alarmierend genug, dass sowohl elitäre Kreise als auch die Bürger auf der Straße über die Frage diskutieren, ob ein Bürgerkrieg bevorsteht. Wenn die Politik diese Alarmsignale nicht wahrnimmt und dementsprechend zu handeln versucht, könnte sich die Lage deutlich verschlechtern.

Es ist richtig, dass die Türkei kein zweites Pakistan ist, aber die Türkei ist eben auch nicht Norwegen. Wir sollten nicht immer nur darauf schauen, was wir nicht sind, sondern auch einen Blick darauf werfen, was wir nicht schaffen zu werden.

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Türkei: PKK-Ziele bombardiert und Journalisten angeklagt

(Bildquelle: AFP / Ozan Kose)

Nach dem Triumph seiner Partei bei der Parlamentswahl setzt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Kampf gegen die PKK und gegen kritische Medien unvermindert fort. Die Luftwaffe bombardierte zahlreiche Ziele der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), wie der Generalstab am Dienstag bekanntgab.

Drei Kurden wurden bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften getötet. Zwei Journalisten wurden wegen „Putsch-Versuchs“ angeklagt, nachdem sie den AKP-Wahlsieg kritisiert hatten.

Die islamisch-konservative Partei hatte bei der Wahl am Sonntag eine eigene Regierungsmehrheit zurückerobert. Erdogan kam dadurch seinem Ziel näher, sich per Verfassungsänderung mehr Macht zu verschaffen. Hoffnungen, der überraschend deutliche AKP-Sieg werde Erdogan bewegen, die Spannungen abzubauen, bewahrheiteten sich nicht.

Schon am Tag nach der Wahl seien „Verstecke und Waffenlager“ der PKK in der Provinz Hakkari und im Norden Iraks bombardiert und „vernichtet“ worden, teilte der Generalstab am Dienstag mit. Die Streitkräfte hatte im Juli eine Offensive gegen die PKK gestartet, die wiederum mit tödlichen Anschlägen auf die Sicherheitskräfte reagierte. Im Strudel der Gewalt hatte sich Erdogan als Garant für die Einheit der Türkei präsentiert, die AKP erhielt dafür am Wahltag viele Stimmen.

Vize-Ministerpräsident Yalçin Akdogan bekräftigte am Dienstag den harten Kurs gegen die kurdische Rebellion für mehr Autonomie: „So lange es Terror gibt, so lange wird die Regierung den Terror bekämpfen.“ Der AKP-Sieg habe schließlich gezeigt, „was die Bürger von der ‚Organisation‘ halten“, sagte er mit Blick auf die PKK dem türkischen Nachrichtensender NTV. Friedensverhandlungen seien erst dann möglich, wenn die Kurden „ihre Waffen begraben“.

Die PKK ihrerseits stufte den AKP-Sieg am Dienstag in einer über die kurdische Nachrichtenagentur Firatnews verbreiteten Meldung als „politischen Staatsstreich“ ein.

Unter dem Vorwurf eines „Putschversuchs“ wurden am Dienstag der Chefredakteur und der leitende Redakteur des liberalen Nachrichtenmagazins „Nokta“, Cevheri Guven und Murat Capan, angeklagt, wie das Magazin auf Twitter mitteilte. Die Polizei hatte am Montag die „Nokta“-Büros in Istanbul gestürmt und die beiden Journalisten festgenommen. Sie hatten den AKP-Sieg auf der Titelseite des Magazins als „Anfang des Bürgerkriegs in der Türkei“ bezeichnet. Die Ausgabe des Blattes musste auf richterliche Anordnung aus dem Handel genommen werden, da die Öffentlichkeit darin zu einem Verbrechen angestachelt würde.

Während des Wahlkampfes in der Türkei waren die Behörden immer wieder massiv gegen Medien vorgegangen, die sich kritisch über Erdogan und seine Partei äußerten. Vor laufender Kamera wurde etwa der Sitz des Medienkonzerns Koza-Ipek gestürmt und die Kontrolle über zwei Fernsehsender übernommen. Die USA und die OSZE hatten dies erst am Montag scharf kritisiert.
Brüssel rief Ankara am Dienstag auf, sich nach der Wahl nun gemeinsam mit der EU um die Eindämmung der Flüchtlingskrise zu kümmern. „Ich hoffe auf ein starkes und sichtbares Signal von Ihrer Seite, dass die Türkei bereit ist sich zu engagieren“, schrieb EU-Ratspräsident Donald Tusk an den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu.

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Beobachtungsmission spricht von “unfairem Wahlkampf” in der Türkei

(Bildquelle: AMEPRES/Euronews-Screen/krj)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat dazu aufgefordert, das Ergebnis der Parlamentswahl anzuerkennen. Medien, die das Resultat in Frage gestellt hatten, warf er ein “zweifelhaftes Demokratieverständnis” vor.

Als Präsident ist Erdoğan, der einst Mitbegründer des Wahlsiegers AKP war, laut Verfassung parteipolitisch zur Neutralität verpflichtet.

Der Schweizer Andreas Gross, Leiter der Wahlbeobachtungsdelegation der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, sagte: “Leider kommen wir zur Schlussfolgerung, dass dieser Wahlkampf unfair sowie durch zu viel Gewalt und Angst charakterisiert war. Angst ist ein Feind der Demokratie und ein Feind der freien Entscheidung.”

Nach dem deutlichen Wahlsieg der konservativen AKP war es in der Stadt Diyarbakir im Südosten der Türkei zu Auseinandersetzungen zwischen Kurden und der Polizei gekommen.

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Türkei-Wahl: Als würde man einen Brunnen vergiften und sich als Wasserlieferant anbieten

(Bildquelle: str / EPA / keystone)

Die türkische Regierung hat im eigenen Land Chaos gesät, auf Gewalt gesetzt, Kritiker mundtot gemacht – und zur Belohnung auch noch eine Wahl gewonnen. Um Demokratie geht es dabei nicht. (Von Hasnain Kazim)

Ein Sieg für die Demokratie ist die zweite Wahl in der Türkei wahrlich nicht. Denn das Land hatte schon abgestimmt, am 7. Juni, aber das Ergebnis passte der seit 2002 regierenden AKP nicht, weil sie ihre absolute Mehrheit verloren hatte. Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach sich gegen eine Koalition aus, und entsprechend brachte der mit der Regierungsbildung beauftragte Premierminister Ahmet Davutoglu keine zustande. Also wurden Neuwahlen angesetzt.

Von vornherein wehte ein undemokratischer Geist. Die AKP stilisierte die Neuwahl zu einer «Wir gegen den Rest der Welt»-Entscheidung. Davutoglu sprach nach dem Selbstmordanschlag in Ankara, bei dem mehr als hundert Menschen getötet wurden, allen Ernstes von «Cocktail-Terrorismus»: Die kurdische PKK und der «Islamische Staat» (IS) hätten sich demnach zusammengetan, um der AKP-geführten Türkei zu schaden – als ob diese verfeindeten Terrororganisationen je gemeinsame Sache machen würden. Hauptsache, es entstand das Bild: Alle sind gegen uns, also stellt euch hinter uns!

„Ungläubige“ Journalisten

Türkische Journalisten bekamen die gewalttätige Haltung der Mächtigen zu spüren, zum Beispiel der «Hürriyet»-Kolumnist Ahmet Hakan, dem kürzlich vor seiner Wohnung in Istanbul Nase und Rippen gebrochen wurden, weil er kritisch über die Regierung geschrieben hatte. Das AKP-nahe Propagandablatt «Yeni Akit» scheute kurz vor der Wahl nicht davor zurück, internationale Medien, darunter den «Spiegel», abwertend als ungläubig zu bezeichnen. Man könnte das als Aufruf an die Gläubigen zur Gegenwehr, zu Gewalt verstehen.

Geradezu beängstigend aber ist, dass die AKP nach dem für sie ungünstigen Ergebnis im Juni jegliche Friedensbemühungen mit der PKK abbrach und einen Krieg gegen die Kurden begann, gleichzeitig aber die Chuzpe hatte zu behaupten, nur unter ihrer Alleinherrschaft könne wieder Stabilität herrschen.

Das ist, als würde man einen Brunnen vergiften und sich anschliessend als Wasserlieferant anbieten. Sie schürte Ängste, um die Menschen hinter sich zu scharen, und nahm den Verlust von Menschenleben in Kauf. Wer immer auch nur die leiseste Kritik äusserte, wurde zum Feind erklärt.

Blutiger Wahlsieg

In dieser bedenklichen Situation entschloss die PKK sich zu Terror und schadete damit der prokurdischen Partei HDP; in dieser Situation erklärte der IS dem Land erstmals per Video den Krieg und verübte mehrere Anschläge.

Und in dieser Situation leistete die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auch noch Wahlkampfhilfe, indem sie in die Türkei reiste und Erdogan und Davutoglu eine Milliardensumme versprach und den Türken Visafreiheit in Aussicht stellte, wenn die nur, bitte, bitte, die Tür schlössen und möglichst wenige Flüchtlinge nach Europa gelangen ließen.

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Türkei: Warum die AKP die Parteienlandschaft so dominiert

(Bildquelle: Getty Images / AFP / O. Kose)

Die Türkei hat gewählt, die AKP gewonnen – und die Opposition ist frustriert. Das Ergebnis hat viele überrascht: Aber eigentlich muss es das gar nicht. Daniel Heinrich mit einer Analyse aus Istanbul.

Ugur Demirkan von der Jugendorganisation der kemalistischen CHP ist ziemlich bedient. Er ist extra ins Wahlkreisbüro seiner Partei in Besiktas gekommen. Hier im Arbeiter- und Studentenviertel war die CHP stets dominant. Über sechzig Prozent der Stimmen räumt sie hier regelmäßig ab. Gerade vor diesen Wahlen waren er und seine Parteifreunde zuversichtlich: „Wir haben als Partei viele Fehler in der Vergangenheit begangen, aber dieses Mal haben wir alles richtig gemacht. Wir hatten so ein tolles Wahlprogramm“, so Demirkan im Interview mit der DW.

Und dennoch haben die Bemühungen von Demirkan und seinen Freunden an der Urne kaum etwas gebracht: Die CHP verliert drei Prozentpunkte und landet landesweit bei 25 Prozent der Stimmen. Der klare Wahlsieger ist die AKP: Die Partei von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu legte laut vorläufigem Endergebnis von knapp 41 Prozent auf fast 50 Prozent zu. Ein Riesenerfolg.

AKP weiß was Wähler wollen

Nach Ansicht von Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul hat die AKP sowohl der CHP als auch der prokurdischen HDP Stimmen abgenommen: „Am meisten aber der ultranationalistischen MHP“, so Brakel zur Deutschen Welle. In der öffentlichen Wahrnehmung haben die Ultranationalisten um ihren ergreisenden Parteiführer Devlet Bahceli wohl die Quittung dafür bekommen, dass sie sich nach der Juni-Wahl sämtlichen Koalitionsoptionen verweigert hatten.

Fast alle Meinungsforschungsinstitute waren vor der Wahl von einem viel schlechteren Ergebnis für die AKP ausgegangen. Doch die Taktik der Partei ging wohl auf: „Der harte Kurs gegen die PKK und die nationalistische Rhetorik scheinen gefruchtet zu haben“, glaubt Brakel. Vor allem der Wunsch nach politischer und wirtschaftlicher Stabilität habe anscheinend bei vielen Wählerinnen und Wählern verfangen, so der 37-Jährige.

Frust bei den Kurden trotz HDP-Konsolidierung

Auch im Hauptquartier der Kurdenpartei HDP im ärmlichen Istanbuler Stadtteil Tarlabasi ist die Stimmung im Keller. Schwer bewacht von gepanzerten Polizeifahrzeugen liegt es eingeklemmt in einer dunklen Seitenstraße. Zehn Prozent gab es diesmal für die HDP, ein Verlust von drei Prozentpunkten im Vergleich zu den Wahlen im Juni. Hecar Akdemir macht gegenüber der DW aus seinem Frust keinen Hehl: „Das alles hängt doch mit der AKP zusammen, vor allem mit Präsident Erdogan. Wir vertrauen ihm einfach nicht mehr. Wir wissen, wer er ist, was er macht. Ich glaube nicht mehr an Wahlen. Das ganze System funktioniert einfach nicht mehr.“ Immerhin – und das besänftigt ihn ein wenig – hat die HDP den Sprung ins Parlament wieder geschafft. Wie schon vor fünf Monaten.

Samuel Vesterbye arbeitet für die Nichtregierungsorganisation „Young Friends of Turkey“. Im Gespräch mit der Deutschen Welle relativiert er die Aussagen Akdemirs: “Wir sollten nicht so tun, als ob die politischen Parteien der Türkei verschwunden wären. Es wurde gerade eine Wahl abgehalten. Einige haben Stimmen verloren, andere Stimmen gewonnen. Nicht mehr und nicht weniger“, so Vesterbye: „Meiner Meinung nach ist die Türkei auch nach den Wahlen heute nicht weniger demokratisch als vorher.“

AKP stark aus Mangel an Alternativen

550 Abgeordnete im Parlament galt es zu bestimmen. Insgesamt traten 16 Parteien an, doch die meisten scheiterten an der Zehn-Prozent-Hürde. Für den Türkei-Experten Gareth Jenkins macht vor allem der Mangel an wirklichen Alternativen die AKP so stark: „Sieht man sich das Wählerverhalten an, war die Türkei schon immer ein Mitte-Rechts-Land, so Jenkins im DW-Interview. „Zum einen sind da die konservativen sunnitischen Muslime, die den Grundstock für die Unterstützung der AKP bilden. Zum anderen zieht die AKP auch die Stimmen derer an, die auch für eine andere Partei stimmen würden. Aber da gibt es einfach momentan keine.“

Die AKP bleibt also weiterhin der große „Player“ im politischen Betrieb des Landes. Mit großer Macht kommt auch große Verantwortung: Für Kristian Brakel ist es vor allem der Kurdenkonflikt, der zum Prüfstein für die Politik der AKP werden wird: “Die Frage ist, ob sie eher die wiedergewonnenen konservativen Kurdinnen und Kurden von der HDP oder die nationalistischen Wechselwähler von der MHP langfristig behalten will“, so Brakel: „Auch hat der Kurs der AKP in den letzten Monaten einiges an verbrannter Erde zurückgelassen.

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