Schlagwort-Archive: Fussball

Afrika-Cup: Fußball um jeden Preis

16 Teams spielen ab Samstag in Gabun um den Afrika-Cup. Dabei war die Suche nach einem Gastgeber schwierig. Doch jetzt wollen Aubameyang und Co. den Titel in ihr Land holen.

„Die Menschen in Gabun haben gerade andere Sorgen“, sagte Afrika-Korrespondentin Linda Staude jüngst im Deutschlandfunk. Dennoch will das 1,7-Millionen-Einwohner-Land am Äquator den Africa Cup of Nations, die Afrikameisterschaft im Fußball, schultern. Trotz großer Sicherheitsbedenken, trotz einer hohen Arbeitslosigkeit, trotz wirtschaftlicher Probleme, trotz politischer Spannungen unter einem autokratischen Präsidenten Ali-Ben Bongo Ondimba.
Afrika-Cup: Fußball um jeden Preis weiterlesen

Afrikanische Champions League: Reise in die Hölle

(Bildquelle: imago)

Gehässige Gastgeber, feindselige Fans und korrupte Schiedsrichter: Härter als in der afrikanischen Champions League geht es nicht. Ein Frontbericht.

Das Stadion Mazembe in der tief im Südosten der Demokratischen Republik Kongo gelegenen Millionenstadt Lubumbashi steht für das, was der afrikanische Fußball sein könnte – oder sein sollte. Vor kurzem erbaut, ist es zweckmäßig, kompakt und mit einem Kunstrasen ausgestattet, der den Widrigkeiten des zentralafrikanischen Wetters trotzt. Das Stadion ist der ganze Stolz von Moise Katumbi, dem fußballverrückten Gouverneur der kupferreichen Provinz Katanga. Ein afrikanischer Oligarch, der seinen Klub Tout Puissant Mazembe Englebert wieder zu einem der mächtigsten Vereine Afrikas gemacht hat.

Lubumbashi ist ein Handelszentrum, bunt und geschäftig, die Gehsteige sind gesäumt von den Waren, die in tausenden kleinen Läden angeboten werden. Die Stadt umgibt eine Aura lange verblasster kolonialer Eleganz, und sie ist zum gefürchtetsten Spielort im afrikanischen Fußball geworden. Der Erfolg des 1939 von Benediktinermönchen gegründeten Vereins basiert jedoch nicht nur darauf, die besten Spieler aus ganz Afrika holen und kompetente Trainer verpflichten zu können. Der Klub hat sein Stadion auch in eine wahre Festung verwandelt – und das mit allen Mitteln. Vor allem dank seiner Heimstärke gewann Mazembe 2009 und 2010 die African Champions League. Auch in diesem Jahr ist TP wieder auf bestem Wege, ins Halbfinale einzuziehen.

Anders als in Europa beginnt die Gruppenphase der afrikanischen Champions League erst, wenn nur noch acht Vereine übrig sind. Erst dann, wenn die Fernseh- und Sponsorengelder ausgeschüttet werden, wird der Wettbewerb finanziell richtig interessant. Zuvor müssen die Klubs drei K.o.-Runden überstehen. Wegen der hohen Reisekosten und sonstiger Erschwernisse werden die Klubs dabei nach geografischer Nähe gruppiert. Für Mazembe bedeutet das in der Regel einen Erstrundengegner aus einer der schwächeren Fußballnationen in der Nachbarschaft, wie Burundi, Ruanda oder Tansania. In der zweiten Runde wartet dann ein Klub aus Angola, Gabun oder Kenia, in der dritten aus Kamerun, Südafrika oder Sambia.

Letztes Jahr bekam Mazembe es in der entscheidenden dritten Runde mit den Orlando Pirates aus Johannesburg zu tun, eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. An einem kalten Abend in Soweto unterlagen sie im Hinspiel mit 1:3, unter anderem durch einen umstrittenen Elfmeter. Nach dem Match waren die Offiziellen von Mazembe so erbost, dass einer von ihnen im Spielertunnel den Schiedsrichter aus Swasiland schlug. Er wurde auch vom afrikanischen Fußballverband CAF angeklagt, aber von Vereinsseite behauptete man, den Mann nicht zu kennen. Obwohl er mit einer Akkreditierung ausgestattet war, habe er nicht zur Delegation gehört. Solche und andere Episoden sind ein Beispiel dafür, was die African Champions League zum härtesten Wett­bewerb des Weltfußball macht. Wer die Trophäe schließlich gewinnt, hat kräftezehrende Reisen, schreckliche Unter­künfte, schäbige Trainingsplätze, feindselige Fans und kor­rupte Schiedsrichter überstanden.

Schikane am Grenzübergang

1993 begleitete ich als einziger Journalist den südafrikanischen Klub Jomo Cosmos nach Kinshasa, wo er gegen den kongolesischen Vertreter Daring Club Motema Pembe antre­ten musste. Wir kamen mit der Fähre aus Brazzaville, der am gegenüberliegenden Ufer des Kongo gelegenen Hauptstadt der Republik Kongo, die damals die nächste Flugverbindung nach Johannesburg war. Sobald wir nach einer herrlichen Überfahrt den Hafen von Kinshasa erreichten, ging der Ärger los. Schon die Passkontrolle geriet zu einer wahren Folter, denn die Zollbeamten behaupteten, die Visa seien nicht in Ordnung und drohten mit sofortiger Ausweisung. Da weit und breit keine Spur von einem Offiziellen des gastgebenden Vereins zu sehen war, um Cosmos willkommen zu heißen, mussten die Südafrikaner ihren Fall in gebrochenem Französisch schildern.

Wir brauchten Stunden, um es von der Zollstelle an Land zu schaffen. Aber Zeit spielte sowieso keine Rolle, denn es war ohnehin kein Bus da, um die Mannschaft abzuholen. Als wie durch ein Wunder plötzlich doch noch einer auftauchte, begann eine schier endlose Fahrt zum Hotel. Die Unterkunft schien also weit außerhalb der Stadtgrenze zu liegen. Doch nach ein paar Tagen dämmerte uns, dass die Herberge durchaus zentral gelegen war. Der Busfahrer hatte die inzwischen völlig erschöpfte Mannschaft auf einer sehr weitschweifigen Route durch die von Schlaglöchern und irrsinnigem Verkehr geprägten Straßen kutschiert, um die Moral der Truppe zu untergraben.

Diamantenschmuggler im Hotel

Laut Regularien der CAF ist der Gastgeberklub dazu verpflichtet, vor Ort für Transport, Trainingsstätten und Unterkunft einer Gastdelegationen von bis zu 25 Personen Sorge zu tragen. Nur um die Anreise in die Hauptstadt des jeweiligen Landes müssen sich die Gäste selber kümmern. Doch allein das ist angesichts der Größe des Kontinents und der schlechten Flugverbindungen ein großes Problem. Immer noch ist es mitunter einfacher von einem afrikanischen Land in ein anderes via Europa oder Dubai zu fliegen. Der tunesische Klub Etoile Sahel etwa flog letztes Jahr zunächst nach Paris, um dann wieder südlich in die sambische Hauptstadt Lusaka zu reisen. Die Anreise dauerte 24 Stunden, ist aber für viele Klubs üblich, die sich Charterflugzeuge nicht leisten können. Bei Reisen in Länder wie Kamerun, Guinea, Liberia und Nigeria machen sich die meisten Klubs ein paar Tage vorher auf den Weg. Man weiß ja nie, ob ein Flug gestrichen wird und man das Spiel sonst in einem Warteraum auf dem Flughafen verpasst.

Da afrikanische Klubs oft nur über be­scheidene finanzielle Möglichkeiten verfügen, sind sie vor Ort dann auf den guten Willen ihrer Gastgeber angewiesen. Manche Klubs, beispielsweise die aus Ägypten, stellen ihren Gästen die best­möglichen Einrichtungen in der Hoffnung zur Verfügung, beim Gegenbesuch ähn­liche Bedingungen vorzufinden. Aber leider klappt das nur selten. In den meisten Länder legen sie es immer noch darauf an, ihren Gästen den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu gestalten, um sich fürs Spiel einen Vorteil zu verschaffen.

Die Unterkunft für Jomo Cosmos in Kinshasa etwa war wie aus einem schlechten Spionagethriller. In der schummrigen Bar saßen Männer mit Sonnenbrillen und tuschelten über kleine Tische gebeugt verschwörerisch miteinander. Wie wir im Nachhinein erfuhren, war das Hotel ein beliebter Treffpunkt von Diamantenschmugglern, ein Geschäft, das im mineralreichen Kongo ebenso einträglich wie gefährlich ist. Die Unterbringung war spartanisch und die Verpflegung bestand zu ausnahmslos jeder Mahlzeit aus genau einem Teller Reis, gegrilltem Hähnchen und einer Flasche Cola. Das Training fand, wie nicht anders zu erwarten, jeden Tag woanders statt, die Plätzen glichen eher Äckern als einem anständigen Rasen. Laut Regularien dürfen Gästeteams genau 24 Stunden vor dem Anpfiff 90 Minuten lang am Spielort trainieren, aber am fraglichen Tag hatte der Bus eine geheimnisvolle Panne und kam nicht.

Korrupte Schiedsrichter, aber keine Anklage

Viel mehr, als sich im offiziellen Meeting vor dem Spiel zu beschweren, konnten die Südafrikaner nicht machen. Der Matchkommissar notierte den Zwischenfall pflichtgemäß in seinem Bericht, konnte aber auch nichts ausrichten. Von Seiten der Gastgeber wurde die Beschwerde mit großer Bestürzung und langwierigen Entschuldigungen aufgenommen. Die ganze Szenerie war so grotesk theatralisch, dass sie fast schon wieder lustig war. Letztendlich konnten die Südafrikaner das hart geführte, aber sportlich faire Duell dennoch für sich entscheiden. Mitte der Neunziger sah sich die CAF angesichts etlicher Beschwerden dazu gezwungen, die Klubs aus der DR Kongo für ein Jahr aus allen Wettbewerben zu verbannen und machte ihnen zur Auflage, sich in Zukunft gastfreundlicher zu präsentieren. Nach einer kurzen Phase der Herzlichkeit verfielen die Kongolesen jedoch wieder in alte Verhaltensmuster, wie die Orlando Pirates erfahren sollten, als sie letztes Jahr ihren 3:1-Vorsprung im Rückspiel bei TP Mazembe verteidigen wollten.

Die Kongolesen wussten, dass sie auf die Hilfe der Schiedsrichter angewiesen waren, um sicher weiterzukommen. Es gibt keine Beweise dafür, dass Bernard Camille von den Seychellen Geld von ihnen angenommen hat, wie ohnehin noch kein afrikanischer Schiedsrichter wegen Bestechlichkeit angeklagt worden ist. Ständige Beschwerden aber legen den Verdacht nahe, dass Zahlungen an Referees im afrikanischen Fußball ein bewährtes Mittel sind, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen. Klubeigner berichten zudem, dass sie von Mittelsmännern einen bestimmten Preis für einen günstigen Spielverlauf genannt bekommen haben und sich oft wahre Bieterwettstreits zwischen rivalisierenden Teams entwickeln. Nur selten wird über solche Vorfäl­le berichtet, aber die meisten Klubs gehen davon aus, dass es ohnehin sinnlos ist, der Sache weiter nachzugehen, weil nur wenig unternommen wird. Außerdem will man es sich nicht mit denen verscherzen, die einem vielleicht noch einmal nützlich sein können.

Polizisten kappen Live-Übertragung

Was dann beim Spiel zwischen Mazembe und den Pirates passierte, mag ein extremes Beispiel sein, aber solche und ähnliche Zwischenfälle sind in der afrikanischen Champions League beinahe an der Tagesordnung. Vor dem Spiel nahm die einheimische Polizei einige der angereisten Offiziellen, Journalisten und Fernsehleute fest und beschlagnahmte ihre Handys. Dann kletterten sie aufs Dach, um die Kameraleute an ihrer Arbeit zu hindern und vereitelten erfolgreich die Übertragung eines Spiels, das auf dem ganzen Kontinent ausgestrahlt werden sollte.

Warum sie das machten, wurde bald klar: Es sollte keine Beweise für das geben, was auf dem Rasen passierte. Noch in der ersten Halbzeit wurde der Kapitän der Pirates vom Platz gestellt, kurz darauf pfiff der Schiedsrichter einen Elfmeter gegen sie, aber der Torwart konnte parieren. »Wir hatten im ganzen Spiel einen einzigen Schuss aufs Tor. Wir bekamen nicht einen Freistoß in Mazembes Hälfte, keine einzige Ecke, nichts wurde für uns gepfiffen. Es war Wahnsinn«, erinnert sich Lehlohonolo Masalesa, der vom Platz gestellte Kapitän.

Die Pirates hielten bis zur 72. Minute stand, ehe Mazembe das 1:0 gelang. Sie brauchten nun also nur noch ein weiteres Tor, um dank der Auswärtstorregel weiterzukommen – und zwei Minuten vor Schluss bekamen sie einen weiteren Elfmeter zugesprochen. Der Torwart hielt erneut, danach war Schluss, die Pirates hatten sich gegen ihren Gegner plus das Schiedsrichtergespann durchgesetzt. »Wir wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. So etwas hatte ich noch nie erlebt und meine erste Reaktion war, alles hinzuschmeißen und mich aus dem Geschäft zurückzuziehen«, erinnert sich Roger de Sa, der damalige Trainer der Pirates. »Was wir geschafft haben, war eine wirklich heldenhafte Leistung der Spieler. Selbst die Fans von Mazembe verabschiedeten uns nach dem Schlusspfiff mit Standing Ovations. Sie sind nicht blöd, sie hatten ja gesehen, was vor sich ging.«

Mit Laserpointern Gegner blenden

Weil eine Mannschaft aus Südafrika beteiligt war und das Land über eine relativ respektable Presse verfügt, erfuhr eine breite Öffentlichkeit von den unwürdigen Umständen des Spiels in Lubumbashi, sobald die Journalisten ihre Handys zurückbekommen hatten. Die Pirates legten schriftlich Beschwerde ein, der südafrikanische Verband versprach, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen, aber wie schon zuvor so oft bei ähnlichen Vorfällen war die Empörung bald verflogen und die Sache geriet in Vergessenheit. Der Kongo ist beileibe nicht das einzige Land auf dem Kon­tinent, wo solche finsteren Machenschaften praktiziert werden, aber es ist wohl das krasseste Beispiel. Auch Reisen ins westliche Afrika sind fast immer eine harte Prüfung und in Ländern wie Kamerun, Algerien und Tunesien ist es kaum besser. In Nordafrika pflegen sich gegnerische Fans am Vorabend des Spiels vor dem Hotel der Gastmannschaft zu versammeln, um bis spät in die Nacht die Trommeln zu schlagen und Lieder zu singen.

In letzter Zeit hat sich zudem die Unart verbreitet, gegnerische Spieler bei Standardsituationen mit grünen Laserpointern zu irritieren. In Ägypten ist bisweilen das halbe Stadion mit den Geräten bewaffnet und fuchtelt nach Lust und Laune damit herum. Wie es um den Wettbewerb bestellt ist, zeigen auch die Kontroversen um Chokri El Ouaer und Ahmed Garba, die zu den bizarrsten Geschichten in der afrikanischen Champions League zählen. Chokri El Ouaer von Esperance Tunis, der bei der WM 1998 für Tunesien im Tor stand, fügte sich im Champions-League-Finale 2000 gegen die Hearts of Oak mit einem scharfen Gegenstand eine Schnittwunde über dem Auge zu, um dem Schiedsrichter weiszumachen, er sei von einem Stein getroffen worden. Einen ähnlich dreisten Schwindel hatte schon der chilenische Torhüter Robert Rojas 1989 beim WM-Qualifikationsspiel im Maracanã versucht. Rojas wurde lebenslang gesperrt, El Ouaer lediglich für ein paar Monate, die Strafe wurde später sogar noch reduziert.

CAF vertuscht Transferskandal

Dabei konnte es sicher nicht schaden, dass Esperances Präsident Slim Chiboub einer der vier afrikanischen Mitglieder im Exekutivkomitee der FIFA war. Außerdem war der tunesische FIFA-Schiedsrichter Mourad Daami als Gast von Chiboub dabei, denn zu allen wichtigen Auswärtsspielen pflegt er einen namhaften tunesischen Schiedsrichter mitzunehmen, um sich beim Schiedsrichtergespann einschmeicheln und falls nötig deren Entscheidungen beeinflussen zu können. Als El Ouaer zu Boden ging, verließ Daami seinen Platz auf der Tribüne und machte sich auf den Weg zum Spielfeldrand, wo er seine Kollegen zu überreden versuchte, das Spiel abzubrechen. Dafür wurde er später suspendiert.

Und als der nigerianische Klub Enyimba 2003 das Finale erreichte, versuchte er seine Chancen zu verbessern, indem er seinen früheren Flügelstürmer Ahmed Garba zurückholte. Dass Garba längst an einen anderen Klub verkauft worden war (nämlich an Borussia Dortmund II), spielte für ihn keine Rolle. Mit Garba gewann Enyimba das Finale gegen den ägyptischen Vertreter Ismaily. Die CAF nahm die Erklärung, es habe gar keinen Transfer gegeben, einfach hin – eine krasse Lüge, die Ismaily mit Videoaufnahmen auch widerlegen konnte. Aber um einen peinlichen Skandal zu vermeiden, ließ die CAF die Sache auf sich beruhen.

Es fehlt der politische Wille, hart dagegen durchzugreifen, dass die Champions League zu einem Tummelplatz für Intrigen, Korruption und Betrug geworden ist. Aus Verbänden, die man bestraft, können nämlich schnell verärgerte Verbände werden und damit eine unzufriedene Wählerschaft, die die etablierte Ordnung in den Führungsriegen des afrikanischen Kontinentalverbandes gefährden.

Weiterlesen…

11freundebanner